Berlin : Hausbesetzer: "Lieber lebendig als normal"

lvt

Im Dezember 1980 lieferten sich junge Hausbesetzer eine Straßenschlacht mit der Polizei. Eine Initialzündung: In den folgenden Monaten verging kaum ein Tag, an dem nicht eines von damals Tausenden leer stehenden Häusern in West-Berlin besetzt wurde. In der Hochphase waren es knapp 170 Häuser gleichzeitig. Die Besetzer waren eine bunte Mischung: Schüler, Studenten, Arbeitslose, Punks, Friedliche und Gewaltbereite, "Müslis" und "Mollis". Sie alle verband eine diffuse Ablehnung des Staates. Sie wollten Freiräume erkämpfen und mit Gleichgesinnten zusammenleben. Das enge, spießige, arbeitswütige, ordentliche Leben der Elterngeneration lehnten sie ab. "Lieber lebendig als normal" lautete eine Parole.

Die Fluktuation zwischen den Häusern war groß. Im Besetzerrat, dem obersten Organ der Bewegung, versuchte man, die unterschiedlichsten Interessen zusammenzubringen. Aber die Bewegung entzweite sich an der Frage, ob man mit dem Staat verhandeln dürfe, um seine Freiräume zu behaupten. Nachdem die CDU im Mai 1981 die Wahlen gewann, wurde Heinrich Lummer Innensenator. Der "Mann fürs Grobe" griff schon bald hart durch und ließ ein Haus nach dem anderen räumen. Proteste, Straßenschlachten und Räumungen wechselten einander ab. Die Gewaltbereitschaft bei Teilen der Polizei und der Besetzer nahm zu.

1984 wurden die letzten Häuser, deren Bewohner sich Verhandlungen verweigerten, geräumt. Die Bewohner von 77 Gebäuden erhielten langfristige Nutzungsverträge. "Das große Wir-Gefühl", so erinnert sich eine ehemalige Besetzerin, "konzentrierte sich dann mehr auf das Innenleben und die Erhaltung der Häuser." Die Bewegung prägte in West-Berlin, vor allem in Schöneberg und Kreuzberg, ein alternatives Milieu, das bis heute Bestand hat. "Wir waren für die Stadt so wichtig wie die 68er", sagt eine andere Aktivistin von damals. Geblieben sei bei ihr und den anderen aus ihrem Haus eine Lebenseinstellung, die sie auch ihrer Tochter mit auf den Weg gegeben habe: "Es lohnt sich, für seine Ziele zu kämpfen - aber man muss sehen, dass man mit seinen Mitteln im Rahmen bleibt."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben