• Hausgemachter Sprudel: Konkurrenz für das Edelwasser in der Flasche - Nass aus der Leitung besser als manches "Naturwasser" - außerdem hat es selbst einen hohen Minearlgehalt

Berlin : Hausgemachter Sprudel: Konkurrenz für das Edelwasser in der Flasche - Nass aus der Leitung besser als manches "Naturwasser" - außerdem hat es selbst einen hohen Minearlgehalt

Thomas Loy

Leitungswasser hat nicht überall in Deutschland ein gutes Image. Feinschmecker nehmen zum Trinken gerne nur "reinste Natur" , verkörpert durch Mineralwasser aus der Flasche. Dieses Verhalten bescherte den 350 deutschen Brunnenbetreibern jahrelang traumhafte Zuwachsraten. Von Mitte der achtziger Jahre an bis heute verdoppelte sich der Pro-Kopf-Verbrauch an Mineralwasser von rund 50 auf 100 Liter im Jahr. Doch der Mineralwasser-Nimbus gerät ins Wanken, seit die so genannten Sprudler-Geräte auf dem Markt sind, die das Leitungswasser mit Kohlensäure anreichern und damit geschmacklich den Mineralwässern annähern.

Das System spart nicht nur Geld, sondern auch unangenehmes Kistenschleppen. Nach bundesweiten Analysen wird bereits in zehn Prozent der Haushalte Trinkwasser angereichert. Die Sprudlerfirmen erinnerten die Verbraucher - zwar nicht uneigennützig, aber in diesem Fall zu Recht -, dass aus dem Wasserhahn nicht irgendeine Flüssigkeit tropft, sondern reines Trinkwasser. Besonders Berlin ist mit Trinkwasserquellen reich gesegnet. Aus dem Uferfiltrat von Spree und Havelseen perlt Wasser in die Wasserwerke, das ohne großen Filteraufwand - insbesondere ohne Zugabe von Chlor - zu hochwertigem Trinkwasser aufbereitet wird.

Das bestätigen nicht nur Senatsbehörden, sondern auch Umweltverbände. Das Ökonetzwerk Grüne Liga in Prenzlauer Berg geht sogar noch weiter: Berliner Leitungswasser sei "in seiner gesundheitlichen Qualität" besser als die "meisten handelsüblichen Mineral- und Tafelwässer", heißt es in einer Studie. "Trinkwasser aus der Leitung wird nach 40 Parametern untersucht, Mineralwasser nur nach sechs", sagt Ulrike Sachse vom Mobilen Wasserlabor der Grünen Liga. Bei Abfüllung und Transport könne es zu Verunreinigungen kommen. Die Grüne Liga kooperiert inzwischen mit einem Sprudlerhersteller: Für 200 Mark gibt es eine Analyse des eigenen Trinkwassers und einen Wasseraufschäumer. (Kontakt: Tel. 443391-0).

Die Trinkwasseranalyse empfiehlt sich laut Grüne Liga, weil die Wasserbetriebe die Güte ihres Produkts nur bis zum Hausanschluss garantieren. In Berlin gibt es noch etwa 50 000 Altbau-Wohnungen, in denen Bleileitungen verlegt sind. Auch heute größtenteils verwendete Kupferrohre seien problematisch, wenn das Wasser zu lange in den Leitungen steht. Besonders wenn Säuglinge versorgt werden, sollten die Gesundheitsämter konsultiert werden, rät auch das Umweltbundesamt. Zu große Mengen Kupfer können bei Kleinkindern Magen-Darm- Störungen bis hin zur Leberzirrhose auslösen.

Die Mineralwasserhersteller reagieren auf die Diskussion sehr sensibel. Der Berliner Abfüller Spreequell wollte sich zur Problematik nicht äußern. Die Brunnenbetreiber wehren sich gegen eine Gleichsetzung ihres Produkts mit dem alltäglichen Wasser aus der Leitung. Sie werben mit dem Label "Naturprodukt" und verweisen auf den hohen Anteil an lebenswichtigen Spurenelementen wie Calcium und Magnesium. Man könnte dazu auch Wasserhärte sagen, doch das klänge nicht halb so schön. Das Berliner Wasser ist relativ hart. Das ist zwar schlecht für die Kaffeemaschine, aber gut für Gesundheit und Geschmack. Damit ließe sich eigentlich gut werben, zumal die Berliner Wasserwerke nur zu 25 Prozent ausgelastet sind und der Absatz weiter zurückgeht.

Doch man will sich weder mit der Getränkeindustrie noch der Umweltlobby anlegen. Vor etwa einem Jahr hatten die Wasserbetriebe schon mal zaghaft eine Imagekampagne angekündigt, stießen bei Umweltgruppen und Senatsverwaltungen aber auf völliges Unverständnis. Berliner Leitungswasser ist gesund - nur darf es keiner sagen.

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