Berlin : Haushohes Problem

Ein Block mit Sexshops, Imbissen und Casino trotzt dem Wandel am Zoo. Politiker und Stadtplaner fordern den Abriss – sind aber hilflos

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Objekt der Beschwerde. Das Haus Joachimstaler Straße 1 gehört einem Fonds aus Luxemburg, hier gibt es ein Hostel, eine Spielhalle und ein Pfandhaus. Links grenzt das Gebäude Joachimstaler Straße 4 an, in dem sich das Beate-Uhse-Museum befindet. Foto: Mike Wolff
Objekt der Beschwerde. Das Haus Joachimstaler Straße 1 gehört einem Fonds aus Luxemburg, hier gibt es ein Hostel, eine Spielhalle...

Man mag es kaum glauben, aber abends sieht es hier fast noch ein bisschen hässlicher aus. Die Leuchtreklame ist defekt. Auf der einen Fassadenseite bleibt das „Uhse“ komplett dunkel, auf der anderen steht immerhin „Erotik Mu“.

Es ist kein Ort, an den man sich in der City West gerne aufhält. Viele Passanten kennen ihn bloß als das Stück überdachten Gehweg, den man entlang muss, wenn man vom Bahnhof Zoo in die Kantstraße oder eins weiter auf den Kurfürstendamm will. Vorbei an zwei Sexshops, dem Beate-Uhse-Museum, einer Spielhalle, mehreren Imbissbuden und Burger King. An den Säulen kleben Graffiti, in den Ecken liegt Müll. Für die Stadtplaner der City West sind die beiden Gebäude Joachimstaler Straße 1 und 4 seit langem ein Ärgernis – vor allem, weil sich das Viertel rundum sichtbar wandelt, Bikini-Bogen und Zoopalast saniert werden, der Kurfürstendamm zu seinem 125. Jubiläum aufgehübscht wird und gegenüber auf der anderen Straßenseite das Waldorf Astoria in die Höhe wächst. Wenn dort Ende des Jahres die ersten Gäste ihre Zimmer beziehen, werden sie direkt auf die Ladenzeile mit Sexshops blicken – denn hier sind Sanierungsarbeiten nicht in Sicht.

Dabei ist eine Aufwertung „zwingend erforderlich“, sagt Klaus-Dieter Gröhler (CDU), Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf. Alleine die Deckenhöhe des Arkadengangs sei derart niedrig, dass die Gegend auf Passanten „geradezu bedrohlich“ wirke. Allerdings kann der Bezirk wenig ausrichten: „Solange die Eigentümer keinen Leidensdruck spüren, solange ihre Objekte also einigermaßen rentabel sind, werden sie kaum von selbst handeln.“ Auch Joachim Wolf vom Regionalmanagement der City West hält die Situation für „desolat“ und möchte die Eigentümer der Immobilien demnächst an einen Tisch bitten, um über mögliche Verbesserungen zu sprechen. Dass dies gelingt, ist aber unwahrscheinlich: Das eine Gebäude wurde vor anderthalb Jahren an einen Luxemburger Fonds verkauft, das andere gehört einer 23-köpfigen Erbengemeinschaft, deren Mitglieder quer über Deutschland verteilt leben. Fabian Schmitz-Grethlein, der stadtplanerische Sprecher der SPD-Fraktion im Bezirk, bezweifelt gar, ob Sanierungsmaßnahmen überhaupt das Problem lösen können. Langfristig hält er einen Abriss und anschließenden Neubau für unumgänglich.

Die derzeitigen Nutzer sehen das anders: Die Beate Uhse AG kündigt an, ihr Museum langfristig an dem zentralen Standort zu lassen, auch den zugehörigen Sexshop. „Auch Erotikangebote gehören in eine Großstadt“, sagt Sprecherin Assia Tschernookoff – und nicht etwa versteckt in schmuddelige Hinterhöfe. Genau dafür habe ihre Unternehmensgründerin schließlich zeitlebens gekämpft. Außerdem sähe ihr Laden überaus vorzeigbar aus, erst vor drei Jahren habe man ihn zum „Premium Shop“ ausgebaut: „Heutige Sexshops entsprechen nicht mehr alten Schmuddelklischees.“ Die Eigentümer der Immobilie sehen es genauso. Herbert Meyer, Sprecher der Erbengemeinschaft, betont, dass man mit dem derzeitigen Mieter, der Beate Uhse AG, sehr glücklich sei: „Das ist wirklich nichts, wovor man sich heute genieren müsste.“ Zudem hoffe man auf ein langfristiges Engagement des Erotikkonzerns.

Streit gibt es dagegen im Nachbarhaus an der Joachimstaler Straße 1. Hier liegen mehrere Mieter mit dem Eigentümer im Clinch, erst vor kurzem musste die Fußballkneipe „Hanne am Zoo“ ausziehen, weil man sich nicht über einen neuen Mietvertrag einig wurde. Weitere Schließungen werden folgen – Mieter werfen dem Eigentümer vor, das Objekt verkommen zu lassen.

Zum Beispiel die defekte Rolltreppe. Jemand hat einen schiefen Sperrholztisch als Absperrung ans untere Ende gestellt, viele andere haben ihre Zigarettenstummel und Müll hingeworfen. Wer trotzdem ins obere Stockwerk will, zum Pfandleiher oder in das gut besuchte „A&O Hostel“, muss auf der Rückseite die Treppe nehmen. Oliver Winter, der Hostel-Chef, kann den wachsenden Unmut über den Zustand des Gebäudes gut verstehen. Er ist selbst wütend. Alleine die vielen Bitten an den Hausverwalter, die Rolltreppe in Ordnung zu bringen! Winter hat Angebote von Monteuren eingeholt, 5000 Euro würde es kosten. Von der Verwaltung sei keine Reaktion gekommen. Im März 2012 läuft der Mietvertrag aus, das Hostel könnte eine Option ziehen, die Laufzeit um zehn Jahre verlängern. Oliver Winter hat angeboten, 700 000 Euro in den Standort zu investieren, die Bäder zu modernisieren, den Brandschutz zu verbessern. Die Eigentümer hätten im Gegenzug den Arkadengang umgestalten und die vielen angelaufenen Fenster austauschen sollen. Sie hätten sich nicht darauf eingelassen, sagt Oliver Winter. Jetzt will er das Hostel im Frühjahr nächsten Jahres schließen. Der Hamburger Hausverwalter war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Ein anderer Mieter des Objekts sagt: Das Beste wäre, wenn das neue Waldorf Astoria beide Gebäude einfach aufkaufen würde. Um dann alles abzureißen und neu aufzubauen – „oder eine Grünfläche zu gestalten, alles wäre besser als das“. Die Manager des Luxushotels geben sich allerdings diplomatisch, wollen vor dem Einzug kein schlechtes Wort über ihre zukünftigen Nachbarn verlieren. Stadtveränderungsprozesse brauchen eben Zeit, heißt es ganz allgemein. So sieht es auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung: Wenn sich der Rest der City West so rasant zum Besseren wandle, wirkten früher oder später die Regeln des Marktes. „Ein privater Investor wird kommen und genug Geld mitbringen.“ Das werde Jahre dauern. Aber passieren. 

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