Berlin : Havarie im zweiten Akt

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Von Thomas Loy

und Matthias Oloew

Pfingstmontag, Don Giovanni, 2. Akt: Vom bösen Ende des Schwerenöters war noch nichts zu ahnen, da krachte es schon im Bühnengebälk. Ein Lastzug mit Dekorationen sollte gen Himmel fahren, fuhr aber schnurstracks Richtung Hölle und traf auf halber Strecke einen entgegenkommenden Lastzug mit Scheinwerfern–Rumms. Die Vorführung kam zum Erliegen. An den Türen zum Foyer bildeten sich die üblichen Staus. Die Intendanz gab später bekannt: „Menschen kamen glücklicherweise nicht zu Schaden." Ein Theaterbesuch in der Deutschen Staatsoper ist noch nicht so gefährlich wie –sagen wir mal – das Befahren Brandenburger Landstraßen, aber der Musentempel holt unfallstatistisch gesehen deutlich auf.

Bislang blieben die kleinen Havarien hinter der Bühne dem Publikum meist verborgen. Am Pfingsmontag aber war nichts mehr zu vertuschen. Sänger und Publikum mussten eine Reparaturpause von 20 Minuten über sich ergehen lassen – dann wurde die Vorstellung „mit großem Erfolg zu Ende gespielt", wie es am Tag danach auf einer Presseerklärung hieß. Schuld an der Panne war offenbar ein Steuerungsrelais der Hubbühne, das unzweideutig aus früher DDR-Produktion stammt.

Für den Intendanten Georg Quander ist die Havarie nur ein weiterer Anlass, nach sofortiger Sanierung des maroden Bühnenhauses zu rufen: „Ähnliche Störungen sind in der Vergangenheit bereits mehrfach aufgetreten, und man muss damit rechnen, dass die gesamten technischen Anlagen aus Sicherheitsgründen vom TÜV gesperrt werden.“ Bisher hatten die Leute vom TÜV und des Landesamt für technische Sicherheit (LagetSi) immer beide Augen zugedrückt.

Die hydraulische Bühne stammt aus dem Jahr 1928, die Schalthebel und Relais aus dem Jahr 1956. Für Klaus Wichmann, dem technischen Direktor der Oper, ist die Anlage bestenfalls museumsreif. Sie verlangt von seinem Personal höchste Aufmerksamkeit: Einer betätigt die Schalthebel und achtet dabei auf die Kommandos eines Zweiten, der sich schließlich auf das Augenmaß eines Dritten verlässt–die Bühne lässt sich nicht mit detaillierten Anzeigen auf modernen Displays steuern.

Dass die Sanierung dringend erforderlich ist, bestreitet niemand. Nur hat der Senat eben auch dafür kein Geld. „Das ist im Doppelhaushalt nicht darstellbar“, sagt Torsten Wöhlert, Sprecher von Kultursenator Thomas Flierl. Soll heißen: Bis Ende 2003 gibt es garantiert kein Geld. Und danach ist noch alles offen. Eine Sanierung und Modernisierung würde – je nach Anspruch – zwischen 50 und 200 Millionen Euro kosten.

Für die bauliche Unterhaltung des Hauses ist Stadtentwicklungssenator Peter Strieder zuständig. „So ein kaputtes Relais zu ersetzen, ist ja kein Problem“, sagt Strieders Sprecherin Petra Reetz, „aber das ist eben nur Flickschusterei".

Anders gesagt: „Wir halten das Haus so in Ordnung, dass es nicht zusammenfällt.“ Dass die Flickschusterei dabei immer teurer wird, bestreitet Reetz nicht–dazu fällt ihr der kluge Spruch ihres Großvaters ein: Nur reiche Leute können sparen.

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