"Heckmeck" in Schöneberg : Frank Zander kürt Berlins beste Kiezkneipe

Das „Heckmeck“ darf sich beste Kiezkneipe nennen. Frank Zander feierte mit den Stammgästen.

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Foto: DAVIDS

Der erste macht schon die Biege, bevor es überhaupt losgeht. „Franky, noch eins?“ – „Nüscht is, ich hau gleich ab.“ Franky, hager, Basecap, Hocker ganz links, hat jetzt die Aufmerksamkeit der Tresenbesetzung. Es ist nicht mal fünf, und Franky will gehen. Da kommt noch was. Kunstpause. „Ich bleib doch nicht hier, wenn det Jewühle losgeht.“ Spricht's, trinkt aus und verschwindet. Das freudige Gelächter hört er schon kaum noch.

Es ist alles ein bisschen anders an diesem Freitagabend in der Kneipe „Heckmeck“, Eisenacher Straße 111 in Schöneberg. An einem normalen Freitag sitzen hier die immergleichen paar Feierabendtrinker, kippen ihr Bier und ihren Schnaps, hören J. J. Cale und freuen sich darüber, dass sie von der Woche nichts mehr erwarten müssen. Später wird es dann in der Regel ein bisschen voller, hinten an den Tischen und Biertonnen. Voller, aber nie voll.

Heute ist das anders. Heute kommt Frank Zander. In Windeseile hat sich die Nachricht verbreitet unter den Üblichen: Schon gehört, wir haben gewonnen, Wahl zur besten Kiezkneipe Berlins, mit 28 Prozent der Stimmen, und Zander kommt sogar persönlich und bringt den Pokal. „Große Wahlparty mit der ein oder anderen Runde Freibier“, so hieß es ganz offiziell auf der Webseite der Brauerei Schultheiss, die das Voting mit der Werbeagentur Scholz & Friends organisiert hat. „Lang lebe die Kiezkneipe“ – klingt nicht falsch, oder? Machste mir noch eins, bitte?

Hinten in der Ecke haben sie eine kleine Bühne aufgebaut, für die Queen-Coverband, die musikalisch durch den Abend führen soll. Ein frappierendes Freddie-Mercury-Lookalike im Ringelpulli singt sich warm, Schnurrbart und Seitenscheitel sitzen absolut akkurat. „Det is doch gar nicht Frank Zander“, brüllt ein Witzbold quer durch den Raum. Stimmung: Check.

Queen also. Naheliegende Wahl. Erinnert an Westberlin um 1980. Genau wie das „Heckmeck“ also, wo sich der Staub der Geschichte seit der Eröffnung vor 35 Jahren gefahrlos auf dem Inventar niederlassen konnte: auf den Wandpostern („Lachen mit Hape“, „Tina York“, „nervös – müde – betrunken?“), auf dem ewig still stehenden Ventilator und dem wohl ursprünglich mal blau-weißen Pernod-Schirm. An keinem Objekt aber hat sich der Dunst der Stunde so nachhaltig verewigt wie am debil grinsenden Ziegenkopf mit dem Uncle-Sam-Hut, über dessen schwarzes Fell Altgediente zu berichten wissen, es sei tatsächlich früher mal weiß gewesen.

Die Party geht los. „Queen II“ schmettern gleich mal ein paar der größten Hits, „It's a Kind of Magic“, „Under Pressure“, „Another One Bites the Dust“, Mercury II hat seinen Pulli längst in eine schneeweiße Glitzeruniform eingetauscht, die Kneipe ist rappelvoll und die Meute feiert, als wäre es halb eins und nicht halb sieben. Dass neben ein paar Anzugträgern aus der Schultheiss-Geschäftsführung und den Agenturtypen offenbar auch einige berufliche Stimmungsmacher in den Schankraum geschleust worden sind, fällt bald nicht weiter auf. Sie werden nicht gebraucht. Wozu sicher auch beiträgt, dass zwei Twens mit großen bauchigen Flaschen und winzigen Plastikgläsern von Tisch zu Tisch gehen: Mampe Halb und Halb, Gratisverkostung. „Wollt ihr auch?“ – „Na logo!“ Mampe – noch so ein West-Berliner Urding, Ende der siebziger Trikotsponsor bei Hertha und damit fast so kultig wie der große Zander selbst, der im übrigen immer noch auf sich warten lässt. Die Türsteher, ein paar dunkel gekleidete Schränke, die von den Veranstaltern mitgebracht wurden, lassen schon lange keinen mehr rein. Auch das komplett neu und unpassend an diesem Ort, der ja gerade davon lebt, dass er allen offen steht, so lange sie noch Geld genug für ein kleines Bier in der Tasche haben.

Vorne hat sich derweil Martin Kesici das Mikrofon geschnappt. Kesicis Sieg beim Singwettbewerb „Star Search“ mit der anschließenden Nummer-eins-Single „Angel of Berlin“ vor zehn Jahren darf bereits als Karrierehöhepunkt gelten. An diesem Abend hat er nicht den dankbarsten Job. Kein Mensch hört ihm zu. „Was hat der Kesici noch mal gewonnen?“, fragt einer an der Biertonne. „Dschungelcamp, oder?“ Ganz klar: Es gibt die Kesici-Promis, und es gibt die Zander-Promis.

Verdammt warm ist es, am Tresen kommen sie kaum nach, der Laden platzt aus allen Nähten. Selbst auf dem Bücherbord steht einer, am Gang zum Klo, auf dem hölzernen Bord mit seinem riesigen Uralt-Atlas und dem „Großen Duden Lexikon“ zur Klärung der klassischen Kneipenfragen, erst neulich ging es darum, wie der Infinitiv von „verschollen“ gebildet wird.

Und dann kommt er endlich. Viertel vor acht zeigt die Uhr neben dem Eingang, beziehungsweise: viertel vor vier, denn andere Zahlen gibt es auf ihr nicht, kein Bier vor vier, haha. Frank Zander kämpft sich zur Bühne vor, im Arm eine riesige bronzene Biertulpe, der Star ist kleiner als vermutet, und die Betrunkenen applaudieren. Die Tulpe überreicht er den Besitzern, den Eheleuten Alfred und Marlies Haarhaus. Zander, schwarz-weiß geschecktes Ledersakko und der ewige Schnauzer, sieht man die 71 Jahre kein bisschen an. Vielleicht ist ja doch erst 1980, denkt man sich, aber gleich folgt die Ernüchterung, ein heiseres Krächzen. Zander hat Bronchitis. Kann nicht singen. „Ey, nur nach Hause!“, ruft einer aus der letzten Reihe, es klingt verzweifelt. Aber Zander hat den Hertha-Song nur auf einer kleinen Konserve mitgebracht, die er direkt ans Mikro hält. Reicht schon. Die Kneipe grölt. Die Kneipe schunkelt. Nur nach Hause geh’n wir nicht. Mission erfüllt, Zander gibt dem Kamerateam von tv.berlin im Nebenraum noch schnell ein Interview, posiert für ein, zwei Erinnerungsfotos, dann darf er nach Hause, sich auskurieren.

Punkt halb zehn ist es schließlich, als Otto hereinkommt, wie jeden Abend, normalerweise würde er, der Stammgast in Lederweste und Karohemd, nun zu den Heizkörpern gehen und einen nach dem anderen aufdrehen, aber heute sind da überall Menschen, die er noch nie gesehen hat, und sein Platz ist natürlich auch belegt. Fassungsloser Otto. Ein paar unsichere Schritte, dann dreht er sich um und geht wieder zur Tür hinaus. Johannes Ehrmann

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