Berlin : Hedwig Frietzsche, geb. 1908

Ursula Engel

Hedwig Frietzsche war eine beeindruckende Erscheinung. Noch mit weit über 80 Jahren kleidete sich die schlanke Frau mit großer Sorgfalt und mit edlen Stoffen. Ihre aufrechte Haltung war genauso bemerkenswert wie das nahezu faltenlose Gesicht und die Haare, die ihre dunkelbraune Farbe behalten hatten. Hedwig Frietzsche war und blieb eine höhere Tochter. Auch wenn der frühe Tod der Eltern und die Inflation ihre gute Startposition im Leben zunichte machten, vergaß sie nie, dass sie aus großbürgerlichem Haus stammte.

Sie wuchs in Saarbrücken auf und kam Mitte der dreißiger Jahre zu Verwandten nach Berlin. Die hatten ein großes Interesse für die Kunst, hatten ähnlich Gesinnte in ihrem Freundeskreis - und so lernte Hedwig Frietzsche den Maler Georg Frietzsche kennen und lieben. Trotz ausgezeichneter Ausbildung und bester Sprachkenntnisse entschied sich Hedwig Frietzsche für ein Leben, das sich heute kaum noch eine Frau wünschen mag: Sie richtete es voll und ganz darauf aus, ihren Mann zu fördern. Hedwig Frietzsche wurde die Frau des Malers, sein Leben wurde ihr Leben.

Ein Entschluss, der für Hedwig Frietzsche endgültig den Abschied vom großbürgerlichen Leben bedeutete. Der Mann konnte mit seinen Bildern kaum genug verdienen, dass es fürs Überleben reichte. Hedwig Frietzsche, die in ihrer Jugend stets von Hauspersonal umgeben war, ging nun putzen, um das Existenzminimum zu sichern und dem Mann die kostspielige Malerei zu ermöglichen. Auch das tat sie mit Würde und Haltung: Die Saubermacherei machte ihr nichts aus, das musste eben sein. Doch dass Leute, bei denen sie saubermachte, nicht wussten, wer Joyce, Beckett, Genet oder Camus waren, empörte sie.

In den fünfziger Jahren zog das Ehepaar in eine Atelierwohnung am Bundesplatz. Diese Wohnung, die nur aus einem Raum und einem abgetrennten Küchenklo bestand, wurde für die nächsten 40 Jahre ihre Welt. In dem einen Zimmer, umgeben vom Geruch von Farben und Lösungsmitteln, spielte sich ihr Leben ab. Hier malte Georg Frietzsche seine stillen, teilweise meditativen abstrakten Aquarelle. Hier wurde gegessen und geschlafen. In diesem schlichten, stets vor Sauberkeit blitzendem Raum, der nur mit wenigen Möbeln eingerichtet war, empfingen die beiden auch ihren Besuch. Bei allem Mangel achtete Hedwig Frietzsche aber stets auf einen gewissen Stil. Der Tee für die Gäste wurde in KPM-Porzellan serviert.

Mit unglaublicher Disziplin gelang es Hedwig Frietzsche, ein Lebensgefühl zu vermitteln, dem man Achtung entgegenbringen musste. Für ihren Mann und seine Kunst nahm sie die Einschränkungen in Kauf. Und so wurden seine Bilder im Laufe der Jahre irgendwie auch zu ihren. Später sprach sie es manchmal sogar aus. Dann sagte sie, dass sie ihm seine Malerei erst ermöglicht habe. Von der Arbeit ihres Mannes und der künstlerischen Qualität seiner Aquarelle war sie absolut überzeugt, da geriet sie ins Schwärmen. Zeitweise war sie die einzige, die ihn ermunterte. Gleichzeitig war sie auch die erste Kriterikerin seiner Kunst.

Dass der Name und das Werk ihres Mannes relativ unbekannt blieben, hat Hedwig Frietzsche gekränkt. Sie hielt ihren Mann für verkannt. Gerne wäre Hedwig Frietzsche nicht nur die Frau, sondern auch die Managerin des Malers gewesen. Doch ihr Mann verbot es ihr, Werbung für die Kunst zu machen. Georg Frietzsche war ein stiller, bescheidener Mann. Er suchte nicht das Rampenlicht, in das Hedwig Frietzsche so gern mit ihm getreten wäre.

Als Georg Frietzsche 1986 aus seinem Mittagsschlaf nicht mehr aufwachte, ließ Hedwig Frietzsche die Zurückhaltung hinter sich. Sie knüpfte Kontakte zu Galerien, engagierte sich mit ganzer Kraft für das Werk ihres Mannes. Mit Erfolg. Nun gab es Ausstellungen und Kataloge mit seinen Werken. Der Name Georg Frietzsche wurde immer bekannter und seine Bilder ließen sich immer besser verkaufen.

Erst Ende der neunziger Jahre zog Hedwig Frietzsche aus dem Atelier am Bundesplatz aus. Sie starb in Münster, wo sie die letzten Jahre mit der Familie ihrer Nichte verbracht hatte.

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