Berlin : Hedwig Ortlepp, geb. 1914

Ursula Engel

Nun erzähl mal", sagte Hedwig Ortlepp, wenn jemand aus der Familie mal wieder in Schwierigkeiten geraten war. Dann mahnte sie: "Aber nicht geflunkert!" Sie war die übergeordnete Instanz der Familie. Man nannte sie den "General". Hedwig Ortlepp, mit fast 1,80 Metern eine stattliche Person, wurde für ihre zupackende und hilfreiche Art geliebt und für ihre schonungslose Offenheit auch ein wenig gefürchtet.

Aus Groschowitz bei Oppeln stammend hatte sie nach einer Zwischenstation in Sachsen schließlich 1956 in West-Berlin ein neues Leben angefangen. Ihrem zweiten Mann tat der Wechsel vom Melkermeister zum Arbeiter in der Brauerei nicht gut. Aus einem Feierabend-Bier wurden immer öfter ein paar zu viel. Schon bald regelte sie das Leben der Familie allein. Sie rückte für alle die Dinge wieder gerade. "Wenn es Ärger mit den Nachbarn gab, krempelte Oma die Arme ihrer Bluse hoch, atmete ein paar mal tief durch und ging raus, um die Sache von Angesicht zu Angesicht zu klären", sagt Martina, die Enkelin.

Martina sorgte dafür, dass aus dem Rentnerleben ihrer Großmutter, kein Ruhestand wurde. "Sie war für mich die Mutter", sagt sie. Am Tag, als die Oma in die Seniorensiedlung in der Nähe des Charlottenburger Schlosses zog, packte die damals neunjährige Martina ihre Sachen und ging mit. Das war 1978. "Ich hatte schon vorher die meiste Zeit bei der Oma verbracht, sie hatte mich morgens geweckt, wenn ich zur Schule musste, mir die Brote gemacht und mir was gekocht." Die eigene Mutter war mit dem Kind überfordert und ließ Martina ziehen. Aus der soll mal was werden, sagte Hedwig Ortlepp und bekam das Sorgerecht.

Die kommenden zehn Jahre lebten die beiden gemeinsam im Einzimmerappartement. Dabei, vielleicht auch dadurch, blieb Hedwig Ortlepp eine offene und wache Frau. Mit fast 70 Jahren lernte sie Mengenlehre, um ihrer Enkelin bei den Hausaufgaben helfen zu können.

Viele Jahre arbeitete Hedwig Ortlepp als Chefin einer Reinigungstruppe im Charlottenburger Schloss. Hier sah sie, die bei Empfängen das Geschirr abräumte, auch echte Könige und Prinzessinnen aus nächster Nähe. Manchmal und ganz kurz träumte sie dann, selbst einmal im Scheinwerferlicht zu stehen. Wenn Martina keine Schule hatte, durfte sie manchmal mit ins Schloss. "Für mich war das ein Abenteuerspielplatz", sagt Martina. "Meine Oma hatte Schlüssel zu allen Räumen. Sie war für mich dann die Schlossherrin." Und ein bisschen fühlte sich Hedwig Ortlepp dann selbst auch so.

Es fiel ihr leicht, sich in andere Figuren hineinzuversetzen. "Sie hatte ein Talent zur Schauspielerei", sagt Martina. Mit einigen Kolleginnen spielte sie in einem Laientheater. So erfüllte sie sich die Sehnsucht nach einem anderen Leben und erhielt sich ihre unbändige Lebenslust. Alkohol brauchte Hedwig Ortlepp nicht, um lustig zu sein. "Ganz selten", sagt Martina, "trank sie mal ein Bier." Und noch seltener hatte sie auch mal einen Schwipps.

Nur einmal hat ihr die Großmutter einen Riesenschreck eingejagt: "Eines abends", erinnert sich Martina, "kam Oma von ihrer Arbeit nicht um sieben Uhr nach Hause. Ich bekam furchtbare Angst und telefonierte ihr hinterher. Aber keiner hatte sie gesehen. Gegen zehn Uhr war Oma wieder da mit einem rohen Eisbein unterm Arm und einem gewaltigen Schwipps." "Ich lass dich doch nicht allein", sagte Hedwig Ortlepp. Und Martina wusste, das stimmt.

Als Hedwig Ortlepp mit 86 Jahren wegen einer Lungenentzündung ins Krankenhaus kam und selbst hilfsbedürftig wurde, war es Martina, die genauso dachte. "Ich konnte sie jetzt doch nicht im Stich lassen." Ihre Jugend in der Seniorenanlage, umgeben von vielen alten Menschen, hatte Martina sensibel gemacht für die Verletzlichkeit von Menschen, deren Kraft schwindet. "Ich wusste, wie weh es tut, wenn keiner sich mehr meldet, wie verletzt viele sind, wenn sie merken, dass sie auf Hilfe angewiesen sind", sagt Martina.

Es war klar, dass sie ihre Oma pflegen würde. "Meine Oma war immer eine starke Frau. Sich nicht alleine waschen zu können, jemanden zu brauchen, um zur Toilette zu gehen, das war ihr unglaublich peinlich. Von mir konnte sie sich helfen lassen."

Revanchieren wollte sich Martina für die Zuwendung und Liebe, die sie von ihrer Oma erfahren hatte. Bis zum Schluss fiel es Hedwig Ortlepp, die immer alle beieinander und alles zusammen gehalten hatte, schwer loszulassen. "Sie machte sich Sorgen, ob ich zurecht komme", sagt Martina.

"Lass mich los, ich schaffe es alleine", sagte die Enkelin irgendwann im Februar zur Großmutter. Kurz darauf konnte Hedwig Ortlepp sterben.

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