Heiko Mittmann : Die Demo der Dankbarkeit

Heiko war fünf, als ihm Charité-Ärzte einen Hirntumor entfernten. Nun bedanken er und sein Vater sich – mit einem ganz privaten Ostermarsch durch Berlin.

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Mittmann Foto: privat
Glücklicher Koch. Heiko Mittmann backt für die Berliner - aus Dankbarkeit. -Foto: privat

Heute werden Heiko und Hans-Jürgen Mittmann durch Berlin laufen. Mit einer sechs Meter langen, rollenden Kuchenschiebe aus Holz, auf der ihre selbstgebackenen „Tunnelstollen“ liegen. An der Karre hängen zwei Transparente – ein Dankeschön an Ärzte der Berliner Charité. Eine Geste, die, so Hans-Jürgen Mittmann, „ein Zeichen der Hoffnung für andere Menschen sein soll, nie aufzugeben“.

Hans-Jürgen Mittmann, Schmied aus Döbrichau, einem 350-Seelen-Dorf gleich hinter der brandenburgisch-sächsischen Grenze, hat niemals aufgegeben. Nicht vor 23 Jahren, als die Ärzte ihm kurz nach Weihnachten eröffneten, dass sein fünfjähriger Sohn Heiko an einem bösartigen Hirntumor litt. Schon gar nicht heute, wo sein inzwischen 28-jähriger Sohn zwar erwerbsunfähig ist, aber unternehmungslustig und dankbar für die Zeit, die ihm geschenkt wurde. „Als wir hörten, dass die Charité 300 Jahre alt wird, kam uns die Idee zu dem Marsch durch Berlin“, sagt Hans-Jürgen Mittmann. Und dann erzählt der heute 53-Jährige von dem Wunder, das die Ärzte vollbracht haben. Denn der Tumor im Kopf seines fünfjährigen Sohnes war größer als ein Tennisball. Beinahe aussichtslos, lautete die Prognose, die Ärzte operierten viele Stunden lang.

Der Tumor wurde entfernt, aber es war noch war nicht klar, zu welchem Preis. Der Junge musste ein Vierteljahr im Krankenhaus bleiben. Jeden Tag fuhr Vater Mittmann die 106 Kilometer von Hohenbucko in Südbrandenburg, wo die Familie damals wohnte, nach Berlin, um Heiko zu besuchen. Er brachte ihm Kräutertee nach dem Rezept seiner Urgroßmutter. Er erzählte dem Kleinen, der es vor Heimweh kaum aushielt, dass er ihn von einem Kran aus, der vor der Charité stand, immer sehen könne, weil er dort arbeite: „Immer, wenn der Kran sich drehte, blitzte es durch die Fensterscheibe und Heiko dachte, ich schweiße dort.“ Ob es nun die barmherzige Lüge mit dem Kran war oder die liebevolle Zuwendung – das Kind erholte sich. Zwar war Heiko nach der Operation Epileptiker, konnte nie toben, klettern, schwimmen oder radeln wie andere Kinder, doch er schaffte den Abschluss der Förderschule und arbeitete später als Koch. 2008 nahmen die Anfälle allerdings zu, der junge Mann erhält seither eine Erwerbsunfähigkeitsrente.

Sein Vater sorgte dafür, dass das Leben lebenswert blieb. Als „Hans Dampf in allen Gassen“ wurden die beiden wegen der alten Dampfmaschine bekannt, die sie vor 14 Jahren von einem entfernten Onkel aus Australien erhielten, später restaurierten und unter anderem vor der Dresdener Frauenkirche, in Meißen oder am Kyffhäuser aufbauten und für ihr Publikum in Gang setzten.

Außerdem kochten und backten Vater und Sohn gern und erfanden im Jahr 2008 den „Tunnelstollen“, den sie am heutigen Ostersonntag den Berlinern zeigen wollen. „So weit kann Heiko nicht laufen, aber ich denke, wir schaffen es vom Brandenburger Tor in Form einer großen Acht bis zur Siegessäule und dann zurück zum Alexanderplatz“, sagt Hans-Jürgen Mittmann. Die Acht sei schließlich das Symbol der Unendlichkeit.

Das Ordnungsamt Mitte hat den persönlichen Ostermarsch genehmigt, die Charité hat noch nicht auf den langen Brief der Familie geantwortet. Dabei hoffen die Mittmanns so sehr, dass ihr Dankeschön auch jene Ärzte in der Charité erreicht, die damals für Heiko da waren. „Operiert wurde er am 7. Januar 1987 von Oberarzt Dr. Vogel“, sagt Hans-Jügen Mittmann. „Mit seinem Stationsarzt Dr. Flügel habe ich immer die CT-Aufnahmen besprochen und die Oberärztin Frau Dr. Kemmerling hat die Rehabilitation geleitet.“ Alle diese Ärzte arbeiteten nicht mehr in der Charité, sagte eine Sprecherin dem Tagesspiegel. Es sei nicht möglich, sie ausfindig zu machen. Hans-Jürgen Mittmann findet das schade: „Keines der Kinder, die damals in Heikos Gruppe auf der Station waren, hat es geschafft, die Strapazen zu überstehen. Ich hoffe einfach, dass jene Ärzte irgendwie – vielleicht auch durch unseren Ostermarsch – erfahren, dass sie meinem Sohn das Leben zum zweiten Mal geschenkt haben.“

Gegen elf Uhr wollen die beiden mit ihrer langen Kuchenschiebe loslaufen, der Vater als Schmied mit grüner lederner Bockschürze, Sohn Heiko als Koch mit ebenfalls grüner Schürze und weißer Mütze. Ungefähr vier Stunden werden sie unterwegs sein und viele Pausen machen müssen, damit sich Heiko nicht überanstrengt. „Er ist tapfer, aber seine Kräfte sind begrenzt“, sagt sein Vater, der die Angst, dass der Krebs zurückkehren könnte, nie abgelegt hat: „Ich freue mich über jedes Jahr.“

Den Tunnelstollen haben die Mittmanns übrigens der Oberärztin Kemmerling gewidmet. Wenn einer der beiden nicht mehr konnte, hat sie immer gesagt: „Manchmal befindet man sich in einem Tunnel. Blickt man nach hinten, ist alles dunkel. Blickt man nach vorn, dann sieht man das Licht“. 

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