Berlin : Heiligabend in der Klinik: Bescherung auf der Krankenstation

Tanja Buntrock

Nur ganz vorsichtig traut man sich, die Hand von Robert Motylinska zu nehmen. Sie fühlt sich so an, als würde sie jeden Moment zerbrechen. 30 Kilogramm wiegt der 14-Jährige noch. Der kreidebleiche, zarte Junge liegt in seinem von Schläuchen und Maschinen umzingelten Bett im Deutschen Herzzentrum Berlin. Am 16. November wurde er eingeliefert. Seither hat er zwei schwere Operationen hinter sich und muss das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel im Krankenbett erleben. Wie lange das Krankenzimmer danach Roberts Zuhause sein wird, ist noch ungewiss.

Vorher war die Welt des Achtklässlers, der in Lübeck eine Realschule besuchte, noch in Ordnung. Doch Mitte November musste er sich plötzlich übergeben, seine Lippen waren blau angelaufen, und er brach zusammen. Lebensgefahr, von einem Momentauf den anderen. Robert wurde mit einem Hubschrauber von Lübeck in die Berliner Spezialklinik gebracht. Erinnern kann er sich daran nicht mehr. Als er aufwachte, lag er im Krankenbett. "Ein bislang unentdeckter Herzfehler, der durch einen Virus akut geworden ist", sagt seine Mutter. Sie sitzt jeden Tag an Roberts Bett, die Nächte verbringt sie nebenan im Appartementhaus.

Neben Robert werden noch sieben bis zehn andere Kinder die Festtage auf der Station verbringen müssen, erzählt Schwester Waltraud. "Aber wir versuchen eine gemütliche Atmosphäre zu verbreiten", sagt die 58-Jährige. Heiligabend wird nachmittags ein Weihnachtsmann die kranken Kinder beschenken. "Das sind teilweise Spenden, aber auch Geschenke, die vom Herzzentrum gekauft wurden", erklärt sie. Außerdem kommt eine Pastorin, die mit ihrer Gitarre Weihnachtslieder spielt und Geschichten vorliest. Derweil können die Angehörigen an der festlich dekorierten Weihnachtstafel schmausen.

Robert ist überhaupt nicht danach zumute, Weihnachten zu feiern. "Ich habe keine Lust darauf", flüstert er leise, weil Sprechen ihn anstrengt. Eine Playstation hat er sich gewünscht, "damit es hier nicht so langweilig ist". Abgesehen von seiner Mutter und seinem Vater ist bislang nur eine Tante aus Polen zu Besuch gekommen. Seine Klassenkameraden aus Lübeck haben sich noch nicht gemeldet, "aber die wissen ja auch gar nicht, auf welcher Station er liegt", beschwichtigt die Mutter.

In der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Lindenhof in Lichtenberg baumeln auf Station 1 bunte Tannenbäume und Sterne von der Decke. Der 9-jährige Roberto sitzt ganz allein im Rollstuhl auf dem langen Flur. Aus seinem knallroten Bayern-München-Shirt lugen rosa-rote Hautfladen. Roberto gehört zu den Schwerverbrannten. Wie sich das zugetragen hat, darüber kann und will niemand der Schwestern und Ärzte sprechen, "Roberto hat Schlimmes erlebt", sagt Oberschwester Annelie. Die Feiertage über werden seine Eltern bei ihm sein. "Ich wünsche mir nichts weiter", murmelt er. Für die rund 40 Kinder und Eltern, die das Fest in der Klinik verbringen müssen, "werden wir alles festlich gestalten", verspricht die Oberschwester, "es wird ein Weihnachtsmann kommen, eine Kaffeetafel gedeckt, gesungen und gespielt." Auch in der Vorweihnachtszeit hat sich die Klinik einiges für die Kinder einfallen lassen. Vor einigen Tagen war ein Streichelzoo im Hof. "Ich habe den Esel mit Äpfeln gefüttert, und der Hase hat meine Bettdecke angeknabbert", schmunzelt Roberto. Danach kam ein Clown extra zu ihm. Er konnte Roberto sogar zum Lachen bringen. Vor einigen Wochen noch glaubten die Ärzte, dass der Junge nicht überleben würde.

Ein paar Gänge weiter auf Station 2 thront die 6-jährige Gianna wie eine kleine Prinzessin in ihrem Krankenbett. Ihre Mutter Manuela sitzt ihr gegenüber. "Gianna hat Verbrühungen an der Brust und den Beinen", sagt sie. Seit dem 9. Dezember liegt das Mädchen in der Klinik. Familie B. aus Rudow wird wie jeden Tag auch Weihnachten bei ihr sein. "Ich will nur, dass Mami, Papi und meine Schwester kommen", sagt Gianna. "Und vielleicht läuft Weihnachten auch ein schöner Kinderfilm im Fernsehen."

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