Berlin : Heiliger Vater, Guter Hirte

Gedenken in der protestantischen Jeremia-Gemeinde

Florian Urschel

Am Papst kommt niemand vorbei in diesen Tagen – auch der evangelische Pfarrer Hartmut Diekmann nicht. An diesem Sonntag spricht er in der Jeremia-Kirchengemeinde in Spandau über das Verhältnis der Protestanten zum verstorbenen Oberhaupt der katholischen Kirche, Johannes Paul II. Rund 40 Gläubige lauschen seiner langen Predigt. Die Zuhörer verlieren sich ein wenig unter dem spitzen Holzdach der modernen, geräumigen Backsteinkirche, die dank großer Fenster über dem Altarraum vom Tageslicht angenehm erhellt ist.

Nachdem der Pfarrer zwei junge Frauen konfirmiert hat, erleben die wenigen Zuhörer eine nachdenkliche und engagierte Predigt. Zunächst äußert sich Pfarrer Diekmann sehr kritisch über den verstorbenen Papst. Er habe Reformen innerhalb der katholischen Kirche verhindert, Frauen aus kirchlichen Ämtern fern gehalten und das Priesterzölibat nicht angetastet. Außerdem habe der Papst in Afrika die Benutzung von Verhütungsmitteln verurteilt, obwohl auf dem Kontinent die Immunschwächekrankheit Aids wüte wie sonst nirgends.

„In diesen Momenten“, sagt Pfarrer Diekmann, „hat der Papst den Begriff des Heiligen Vaters sehr ernst genommen. Er hat die Katholiken behandelt nach dem Prinzip: Solange ihr die Füße unter meinen Tisch streckt, wird getan, was ich sage.“

Dem „Heiligen Vater“ stellt der Pfarrer eine andere Bezeichnung für christliche Priester gegenüber: Die des „Guten Hirten“, der das Leben seiner Schafe schützen will. Und Pfarrer Diekmann gibt zu: Papst Johannes Paul II. war nicht nur ein konservativer, strenger Vater, sondern auch ein sanfter Hirte, der wie kein Zweiter auf der Welt für den Wert des Lebens eingetreten ist. „Der Papst ist in die ärmsten Länder der Welt gereist, um den Menschen Lebensmut zu geben.“

Johannes Paul II. habe, wie einst Jesus Christus, seine sicheren Schafe im Stich gelassen, um sich um die zu kümmern, die in ständiger Furcht lebten. Pfarrer Diekmann erinnert auch an den Kriegsgegner Karol Wojtyla und daran, dass der Papst den Sowjetkommunismus bekämpft hat – in einem System, welches das Leben des Einzelnen nicht gerade hoch schätzte.

So bleibt am Ende des fast neunzigminütigen Gottesdienstes den Gläubigen in der Jeremia-Kirche nicht nur Johannes Paul II. als Verfechter des Lebens in Erinnerung, sondern auch Pfarrer Hartmut Diekmann als Verteidiger des Papstes.

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