Berlin : Heimat auf Widerruf

Salam Hamade tat, was die Behörde verlangte – und soll abgeschoben werden. Eine Chance bleibt ihr

Sandra Dassler

Salam Hamade hat drei Schutzengel. Zwei von ihnen sind noch ziemlich klein. Sie heißen Neriman und Jehan, haben Zöpfe und mögen Überraschungseier. Ihre verschmitzten Kindergesichter waren es, da ist sich Bernd Szczepanski sicher, die einige Politiker zum Nachdenken brachten. Bernd Szczepanski ist der dritte Schutzengel von Salam Hamade. Als die 22-jährige Palästinenserin aus Neukölln im Sommer dieses Jahres mit ihren vierjährigen Zwillingstöchtern Neriman und Jehan in den Libanon abgeschoben werden sollte, hat er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt: an Innensenator Ehrhart Körting geschrieben, den Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses eingeschaltet und dann – als nichts half – die Presse informiert.

Tagelang wurde der „Fall Hamade“ in der Öffentlichkeit diskutiert: Als Neunjährige war sie 1990 mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen, direkt aus einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon. „Vom ersten Tag an liebte ich Berlin“, erzählt sie: „Es gab keine Raketenangriffe, die Schule machte Spaß, ich wollte Lehrerin werden.“ Aber der Asylantrag ihrer Eltern wurde abgelehnt. Wie alle Kinder von in Deutschland nur geduldeten Asylbewerbern durfte Salam keine Ausbildung machen und auch nicht studieren. So blieb sie nach dem Hauptschulabschluss zu Hause, wurde – gerade 16-jährig – nach islamischem Recht verheiratet, bekam die Zwillinge, bezog eine kleine Wohnung in Neukölln.

Dann bot ein Bekannter Salam Hamade einen Job in einer Wäscherei an. Wenn sie arbeiten wolle, müsse sie einen Pass beantragen, hieß bei der Ausländerbehörde. Doch kaum hatte sie den libanesischen Pass, forderte die Behörde sie auf, das Land zu verlassen. Weil das einzige Hindernis für ihre Abschiebung der fehlende Pass gewesen sei. Ihre Ehrlichkeit wurde Salam zum Verhängnis.

So absurd die Geschichte auch klingt, sie ist kein Einzelfall. Während kriminelle Asylbewerber von ihren Heimatländern keinen Pass erhalten oder diesen schnell wieder „verlieren“, gibt es für integrationswillige Ausländer keine Möglichkeit, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, solange sie nicht als Flüchtlinge anerkannt sind. Die Verfahren ziehen sich oft über Jahre hin, in denen die Asylbewerber notgedrungen den Sozialkassen zur Last fallen. Viele Politiker fordern deshalb eine Änderung des Asylgesetzes – bislang vergeblich.

Die öffentliche Diskussion um Salam Hamade und ihre Töchter hat für die drei zumindest zu einem Aufschub geführt. Der Petitionsausschuss teilte der jungen Frau im Oktober mit, dass die Senatsverwaltung für Inneres in ihrem „besonderen Einzelfall die Erteilung einer Aufenthaltsbefugnis nach der Bleiberechtsregelung für Asylbewerber mit langfristigem Aufenthalt für vertretbar hält“. Allerdings nur für sechs Monate. Nur wenn Salam in dieser Zeit einen Arbeitsplatz findet und nachweisen kann, dass sie den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder ohne öffentliche Leistungen sichern kann, darf sie bleiben. „Ich schaffe das“, sagt die junge Frau optimistisch. Doch in den Geschäften, in denen sich Hamade bisher bewarb, hat man nur mit dem Kopf geschüttelt. Damals, als ihr ein Arbeitsplatz in der Wäscherei sicher war und sie den Pass beantragte, wäre es einfacher gewesen. Da hatte sie Arbeit, aber keine Arbeitserlaubnis. Jetzt darf sie arbeiten, aber der Job ist weg – allerhand zu tun für Schutzengel.

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