Berlin : Heimat ohne Hussein

Berlins Exil-Iraker sind nach Saddams Festnahme erleichtert. Sie feiern ausgelassen in Kneipen und Vereinscafés

Dagmar Rosenfeld,Lars von Törne

Von Dagmar Rosenfeld

und Lars von Törne

Mit Erleichterung und spontanen Freudenfeiern haben am Sonntag viele der in Berlin lebenden Iraker auf die Gefangennahme Saddam Husseins reagiert. Im irakischen Kulturverein Al-Rafedin – wie auch in anderen Cafés und Kneipen – trafen sich irakische Familien, „um diesen unvergesslicher Tag zu feiern“, wie der Exil-Iraker Nagih Al-Obaidi sagt. Er hat heute schon viermal mit seiner Familie in Bagdad telefoniert. Seine Schwester lebt dort, die er erst vor wenigen Wochen besucht hat. „Ich hatte meine Familie 29 Jahre nicht gesehen“, sagt Al-Obaidi. So lange ist es her, dass er nach Deutschland geflohen ist, weil er als Mitglied der Kommunistischen Partei von Husseins Regime verfolgt wurde. Vielleicht wird er irgendwann einmal in den Irak zurückgehen, sagt er. „Jetzt, wo sie Hussein gefasst haben.“

Im Kulturverein tanzen sie und singen irakische Volkslieder – Männer, Frauen und Kinder. „Ein schöner Tag“, heißt eines. „Eigentlich sollte der heutige Tag zu einem irakischen Nationalfeiertag werden“, sagt ein Mann mit Bart und Lederjacke. Denn mit der Gefangennahme sei der Mythos des allmächtigen Saddams endgültig zerstört worden.

Viele der 3000 Iraker, die in Berlin leben, feierten zu Hause. „Wir freuen uns alle sehr“, sagt die Exil-Irakerin Kheloug Karoumi. Sie arbeitet als Sekretärin im Berliner Büro des arabischen Fernsehsenders Al-Dschasira und ist vor 13 Jahren aus dem Irak nach Deutschland geflüchtet. Als die Meldung von Saddams Ergreifung am Sonntagvormittag kam, konnte Frau Karoumi es anfangs gar nicht glauben. „Ich habe die Nachrichten auf Video aufgenommen, damit ich sie mir immer wieder angucken kann.“ Danach setzte sie sich ans Telefon, rief unter anderem ihren Mann an, den Regisseur Awni Karoumi, der gerade in Syrien ist. „Ich habe viele Freunde mit der guten Nachricht überrascht.“

Kheloug Karoumi ist froh, dass die Amerikaner den ehemaligen Präsidenten lebend gefangen genommen haben. Dadurch habe er es schwer, zum Märtyrer zu werden. „Er muss vor Gericht gestellt werden und einen ordentlichen Prozess bekommen“, sagt sie.

Auf die offizielle Sicherheitslage in der Stadt hat die Festnahme des früheren irakischen Präsidenten vorerst kaum Auswirkungen. Bei den Sicherheitsvorkehrungen für besonders gefährdete Gebäude gebe es „keine Veränderungen", teilte ein Polizeisprecher mit. Allerdings wurden die Patrouillen rund um die US-Botschaft in Mitte verstärkt.

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