Berlin : Heimatklänge tonlos

Alle Konzerte des Festivals im Kulturforum abgesagt. WM-Leinwand bleibt

Kolja Reichert

Es hätte eine große Party werden sollen. Das Festival „Heimatklänge“ auf dem Kulturforum am Potsdamer Platz wollte zu seinem 18. Geburtstag zwei Weltsprachen verschmelzen: Musik und Fußball. Statt sechs Weltmusik-Gruppen sollten sich in diesem Jahr täglich Künstler die Hand geben. Das Programm war dem WM-Spielplan angepasst: Als die Elfenbeinküste kickte, sang der Landesheld Meiway, für Polen stürmte die Reggae-Band „Vavamuffin“ das Feld. Auf der Großleinwand liefen die WM-Spiele, danach spielte die Musik. 6500 Menschen hätten auf dem Kulturforum Platz gefunden. Doch trotz Sommerwetters fand das Freiluftfest nur wenig Anklang: Kaum 800 Gäste kamen pro Tag nach Tiergarten. Der Veranstalter Piranha Events sah sich nun gezwungen, von heute an alle Konzerte abzusagen. Bereits gekaufte Tickets können an den Vorverkaufsstellen zurückgegeben werden.

„Die Fußballfans sind sehr konzentriert auf die Fanmeile, wo sie umsonst Fußball gucken können“, stellt Piranha-Sprecherin Anna Poetzsch fest. Zuletzt wurde noch versucht, das Programm auf der Straße des 17. Juni einzubinden. Doch für die Fifa, den Senat und den Veranstalter gab es wenig Gründe, die Kosten zu übernehmen. Die Spielübertragungen genügen den Fans offenbar vollauf. Kultur und Fußball wollen in diesen Tagen offenbar nicht zueinander finden.

Für das Festival, das seit seinem Auszug aus dem Tempodrom im Jahr 2003 finanziell wackelt, ist der Abbruch ein weiterer Dämpfer. Als die Heimatklänge 1988 zum ersten Mal veranstaltet wurden, war die Begegnung verschiedener Kulturen noch ein brisantes Thema, das Phänomen „Weltmusik“ frisch geboren. Das Festival trat für Toleranz ein und propagierte Musik als interkulturelles Esperanto. Heute gehört Weltmusik zur Alltagskultur, und selbst Britney Spears verwendet arabische Melodien. Der Begriff der Weltmusik hat sich verwässert und wird inzwischen auf jede Musik angewandt, die ihre Wurzeln außerhalb Europas hat. Und Heimat ist mittlerweile überall.

Ob das Festival eine Zukunft hat, kann Anna Poetzsch noch nicht sagen. Erst muss noch mit den Künstlern über Abfindungen verhandelt werden. „Wir werden über viele Dinge nachdenken.“ Vorerst lädt sie weiterhin ins Kulturforum ein, wo zumindest die Großleinwand stehen bleiben wird. „Die Sonne spiegelt sich nicht, wir haben Liegestühle und Bierbänke.“ Wer Entspannung sucht, darf sich hier zu Hause fühlen. Und die Welt mal draußen lassen.

— Das Konzert von Fanfare Ciocarlia am 1. Juli wurde in den Postbahnhof verlegt. Beginn 20.30 Uhr, Vorverkauf 10 Euro, Abendkasse 12 Euro, bereits gekaufte Tickets behalten ihre Gültigkeit.

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