Heimatruf : Walking home for Christmas

Staus und überfüllte Züge: Vor Weihnachten fahren die Menschen "heim". Doch was ist das eigentlich - Heimat? Ein Ort? Ein Gefühl? Kann man sie erfahren? Oder muss man sie nicht vielmehr erlaufen, wie einst Josef mit Maria? Unser Autor unternimmt eine Wanderung im Advent.

von
Unser Autor Helmut Schümann steht in der Morgendämmerung mit Rucksack an einer Straße in Berlin.
Helmut Schümann zu Beginn seiner Adventswanderung in Berlin.Foto: Mike Wolff

Ich habe das nie erlebt: "Driving home for Christmas, with a thousand memories." So wie es Chris Rea besingt, wie es in diesen Tagen tausende Male aus allen Kanälen dudelt. Wozu auch hätte ich zu Weihnachten nach Hause fahren sollen? Zu welchem Zuhause? Als ich damals aus dem Elternhaus ging, waren die Eltern schon vorher gegangen. Weggestorben waren sie während meines Abiturs, erst der Vater, dann die Mutter drei Wochen später. Ich erzähle das jetzt mal so lapidar, es ist ja auch schon fast vierzig Jahre her. Ich bin jetzt 57 Jahre alt, ich habe meinen Frieden damit gemacht.

"Driving home for Christmas": Jetzt fahren sie wieder. Berlin erlebt in diesen Tagen wie alle Jahre die Abreise. Die Stadt besteht ja nur noch zu einem Drittel aus gebürtigen Berlinern. Ein Großteil der zwei Drittel fährt nach Hause. Jeden erfasst zum rührigsten Fest das Heimatgefühl. Mal wieder zu Hause sein, mal wieder Kind sein, sorgenlos. Weil die Mutter, der Vater, die Sorgen übernehmen. Möglicherweise schlafen die Fortgezogenen im alten Kinderzimmer, das natürlich längst umfunktioniert wurde, in dem aber immer noch ein Bett steht für die Tochter, den Sohn. Und an Heiligabend wird die Mutter das Glöckchen läuten, so wie sie es immer getan hat, wenn die Geschenke unter dem Baum lagen und die Bescherung begann.

Ich habe da nie gestanden, damals, an Drei Linden, von wo aus in den 60ern selbst die emanzipiertesten Revoluzzer nach Hause trampten. Da war ich noch viel zu klein und die Eltern noch nicht tot. Ich habe auch später in Bonn, München, Hamburg, Berlin auf keinen Zug gewartet, der mich in die Kindheit zurück bringt. An die Wiege, an die Krippe. Möglichst schnell, möglicherweise auch deswegen so schnell, um es schnell hinter sich zu bringen. Ich habe auch auf keinen Flieger gewartet. Ich habe das nie erlebt, dieses Weihnachtsding. Diese eigene Suche nach dem Stern von Bethlehem.

So bereitet sich Berlin auf Weihnachten vor
"Was für eine Krücke". Am 20.11. wird der Weihnachtsbaum am Brandenburger Tor aufgestellt, doch dem Geschenk der norwegischen Botschaft ist der lange Transport und der Aufbau nicht gut bekommen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Doris Spiekermann-Klaas
20.11.2011 21:21"Was für eine Krücke". Am 20.11. wird der Weihnachtsbaum am Brandenburger Tor aufgestellt, doch dem Geschenk der norwegischen...

Jetzt suche ich ihn. Da, wo ich hin will, ist niemand mehr. Die Schwester, sie ist drei Jahre älter, lebt mit ihrer Familie im benachbarten Köln. Die Waisen von damals haben ein sehr inniges Verhältnis. Vielleicht gerade weil sie die Waisen von damals waren, vielleicht weil die Zeit, bevor sie Waisen wurden, auch nicht gerade herzenswarm war. Vielleicht läuft sie die letzte Etappe mit. Das wäre schön.

Ja. Laufen. Ich gehe zu Fuß. Vom Askanischen Platz in Berlin. Da arbeite ich. In Berlin lebe ich. Ich gehe jetzt zurück in meine Kindheit. Nach Bilk, einem Stadtteil von Düsseldorf, in dem ich aufgewachsen bin bis zum Tod der Eltern. Bilker Allee 136, Ecke Elisabethstraße, Zweiter Stock rechts, Telefon: 0211 342249. Das Telefon war noch aus Bakelit, hatte eine Wählscheibe, erstaunlicherweise habe ich die Nummer immer noch im Kopf.

Laut Lukas ist seinerzeit der Zimmermann Josef mit der schwangeren Maria, die aber nicht von ihm schwanger war und auch von keinem anderen, wegen einer Volkszählung zu Fuß nach Josefs Geburtsort Bethlehem gegangen. Ich bin nicht sehr religiös, eigentlich bin ich es gar nicht. Wahrscheinlich ist die Geschichte auch frei erfunden von Lukas, zumindest, was die genaueren Umstände der Schwangerschaft angeht, bin ich sogar fest überzeugt davon, dass sie frei erfunden ist. Aber es ist trotzdem eine schöne Geschichte. Und deswegen gehe ich zu Fuß. Ich Esel. Den habe ich nämlich nicht dabei. Und eine hochschwangere Frau auch nicht. Ich gehe allein.

1. Berlin - Werder - Lehnin. Minus 3 Grad, aber trocken

Ein paar Jahre früher nur, nur ein paar Jahre, und ich müsste nicht vom Askanischen über den Adenauerplatz raus Richtung Wannsee laufen, um an den Ort meiner Wiege zu gelangen. Ein paar Jahre früher nur, und ich hätte lediglich zur Chaussee straße in Mitte gehen müssen. Da ist der Vater aufgewachsen, exakt in dem Haus, in dem später Wolf Biermann gelebt hat. Der Vater hat früh rüber gemacht, lange vor dem Mauerbau. Andererseits: Wäre er geblieben, hätte er meine Mutter wahrscheinlich nie kennengelernt, und möglicherweise wäre ich dann nie ins Laufen gekommen.

Ich war mal in dem Haus in der Chausseestraße. Habe dort die Mutter meines Vaters besucht, nominell also meine Oma. Aber die habe ich außer diesem Besuch damals nach dem Tod der Eltern nie persönlich gesehen. Danach auch nicht mehr. Wir saßen in ihrer dunklen Küche, ich habe ihr erzählt vom Tod ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter, also meines Vaters und meiner Mutter. Sie hat gesagt, oh, das ist ja traurig, und mich dann, damals war die Chausseestraße noch in Ost-Berlin und der DDR, gefragt, ob ich Westgeld hätte, das ich ihr geben könnte. Also, ich war noch nicht sehr alt, noch nicht sehr erwachsen, ich hatte gerade mein Abitur gemacht und dabei meine Eltern verloren.

Die Oma mütterlich habe ich nie kennengelernt, oder ich kann mich nicht erinnern. Es gibt ein Foto, da sitze ich mit zwei oder drei Jahren bei ihr unter dem Küchentisch. Auf dem Foto sieht sie aus, wie man sich eine Oma wünscht, Dutt, Küchenschürze, die Hände und Unterarme mehlig, wahrscheinlich hat sie mir gerade etwas gebacken. Aber dann ist auch sie gestorben.

Früher, zu Weihnachten meiner Kindheit, hat die Berliner Oma immer Pakete geschickt. Da waren Krippen aus Thüringen drin, nie ein Brief an mich, nie einer an Claudia, die Schwester, ich kann mich nicht erinnern. Das Verhältnis zwischen Vater und meiner Oma war wohl nicht so gut, Genaues weiß ich nicht, war zu jung, danach zu fragen, mich dafür zu interessieren.

Das fällt mir ein, jetzt, da ich unter dem S-Bahnhof Grunewald hindurch in den Grunewald gehe. Und auch, dass diese Wanderung zurück in die Kindheit ziemlich trist anfängt, wenn sie mit solchen trüben Gedanken beginnt. Aber was soll ich machen, so war es nun mal.

Seite 1 von 5 Artikel auf einer Seite lesen
» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

6 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben