Heime : Elternlose Flüchtlingskinder kommen nach Lichterfelde

In das Heim in der Lichterfelder Wupperstraße kommen elternlose Flüchtlingskinder. Hier wohnte auch der Elfjährige, den die Polizei bereits elf Mal beim Dealen erwischt hat.

von

Vor dem Heim in der Lichterfelder Wupperstraße lungern einige Jugendliche herum. Sie sind freundlich. Zwei Jungs, nach eigenen Angaben aus dem Libanon, können schon ein wenig Deutsch und ganz gut Englisch. „Wir sind gerne hier“, sagt der eine. „Im Libanon hätten wir als Palästinenser keine Chancen. Arzt, Ingenieur – das könnten wir dort nicht werden.“ Beide sagen, sie wollten gerne etwas lernen, als Erstes Deutsch, und dann arbeiten. Mehr lässt sich nicht aus ihnen herausbringen, da die Leiterin der Einrichtung nun auf die Straße kommt und verbietet, mit den Jugendlichen zu sprechen – zu deren eigenem Schutz.

Aber auch über ihre Arbeit will die Frau nicht sprechen und verweigert den Zutritt ins Haus. Hier ist die sogenannte Erstaufnahmestelle eingerichtet, in die alle minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge erst einmal kommen. Hier wohnte auch der Elfjährige, den die Polizei nun schon elf Mal beim Dealen gefasst hat, bis er vor ein paar Tagen untertauchte.

Die Gegend ist ziemlich öde, ein paar Speditionen und Firmen sitzen in der nahen Umgebung, aber Wohnhäuser sind kaum zu sehen. Schräg gegenüber liegt eine Kleingartenkolonie. Mit den Laubenpiepern haben die Jugendlichen keinen Ärger. „Klar, es liegen mal Becher und Packpapiere herum“, sagt ein gut gebräunter 65-Jähriger, dem gleich eine der ersten Parzellen gehört. „Aber an sich sind die friedlich. Sie gehen hier ab und an spazieren, das ist ja auch in Ordnung.“ Da habe er an früher ganz andere Erinnerungen – als vor allem Rumänen in dem Heim untergebracht waren, sei ständig eingebrochen worden. Er und seine Frau wundern sich allerdings, dass so viele ältere deutsche Alkoholiker auch dort wohnten. Tatsächlich betreibt die FSD-Stiftung im selben Komplex ein Obdachlosenheim.

Wenn es die Jugendlichen schaffen, straffrei durchzukommen, haben sie gute Zukunftschancen. „Man muss aber dafür sorgen, dass sie nicht gezwungen werden, Straftaten zu begehen“, sagt Berlins Integrationsbeauftragter Günter Piening. Meist gebe es Hintermänner, die die Kinder beim Drogenhandel einsetzen – wie es auch die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig in ihrem Buch schildert.

Nach Pienings Angaben ist die Lage alles andere als hoffnungslos: „Speziell bei den Palästinensern haben wir eine neue, bessere Situation“, sagt der Integrationsbeauftragte. „Seit sie Zugang zum Arbeitsmarkt und einen gesicherten Aufenthalt haben, hat bei vielen eine starke Bildungsorientierung eingesetzt.“ Die deutschen Fahnen an der Sonnenallee während der Fußball-WM brächten das beispielsweise zum Ausdruck. Vielen palästinensischen Eltern sei es inzwischen wichtig, ihre Kinder ins Gymnasium zu schicken. Es könne aber nur von der Regelung profitieren, wer sich nicht strafbar gemacht habe.

„90 Prozent der Jugendlichen sind bildungswillig“, sagt auch Christa Schmidt, Geschäftsführerin der FSD-Stiftung, die das Flüchtlingsheim betreibt. „Sobald sie hier sind, bekommen sie Sprachunterricht, und wir haben bisher auch alle in Schulen untergebracht.“ Nur was nach dem Schulabschluss sei – das wisse sie auch nicht.Fatina Keilani

5 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben