Heimerziehung : Weggesperrt und verprügelt

Eine Studie der Bildungsverwaltung arbeitet die Heimerziehung im West- und Ostteil Berlins auf.

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„Bei meiner Ankunft im Heim bekam ich nach zehn Minuten das erste Mal Prügel.“ R. ist ein schwieriger Fall: Die Eltern sind Alkoholiker, er wird nach der Scheidung von der Mutter großgezogen. Mit sieben hat er die erste Rohrbombe gebaut, im gleichen Alter begann er Alkohol zu trinken. In den 60er Jahren, da ist er gerade neun, wird er das erste Mal ins Heim eingewiesen. Wenn er sich wegen der Schläge beschwert, wird ihm entgegnet: Du hast es wohl verdient.

Das Leben in Heimen im West-Berlin der 50er, 60er oder 70er Jahre war nicht anders als das in westdeutschen Heimen zur gleichen Zeit – physische und psychische Misshandlungen gehörten zum Alltag. Aber in der Inselstadt war die Situation dadurch verschärft, dass es noch schwieriger war, genügend geeignetes Personal zu finden, und dass die Heime chronisch unterfinanziert waren.

Das geht aus dem mehr als 250 Seiten umfassenden Bericht zur „Heimerziehung in Berlin (West 1945–1975, Ost 1945–1989) hervor, die Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) am Freitag vorstellte. Nachdem Ende 2010 bereits der „Runde Tisch Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ die Ergebnisse der Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels bundesdeutscher Geschichte präsentiert hatte, tut dies der Senat nun und kommt damit einem Beschluss des Abgeordnetenhauses vom November 2010 nach. Auch eine Anlaufstelle für Betroffene wurde bereits geschaffen. Seit Monaten schon laufen Gespräche zwischen Bund, Ländern und Kirchen über Entschädigungen.

Anders als der Runde Tisch nimmt die Bildungsverwaltung von vornherein den Westen und den Osten in den Blick. Das ist ein ebenso mutiges wie lobenswertes Unterfangen. Denn „so unterschiedlich die gesellschaftliche Entwicklung der Jugendhilfe in Ost und West verlief, so findet sich doch Vergleichbares, was das erlittene Leid und Unrecht des Einzelnen im Alltag der Heimerziehung betrifft“, begründete Zöllner diese Herangehensweise. An der Studie beteiligte Wissenschaftler stützen diese Einschätzung. Nach 1945 hätten Heimkinder in beiden Teilen der Stadt die gleichen, teilweise grausamen Erfahrungen gemacht und litten bis heute unter den Demütigungen, sagte der Sozialpädagoge Manfred Kappeler. Als „identisch“ bezeichnete Karsten Laudien, Professor für theologische Ethik an der Evangelischen Hochschule Berlin, das Leiden der Jungen und Mädchen.

Der überwiegende Teil der Heimkinder – bis zu 80 Prozent – gehörte der Unterschicht an, war nichtehelich geboren oder stammte aus geschiedenen Familien. Einweisungen gingen auf die schwammigen Begriffe Gefährdung, Schädigung und Verwahrlosung zurück. Die Verzweiflung und Aussichtslosigkeit wie auch die Nachhaltigkeit des Erlebten wird in authentischen biografischen Berichten deutlich, die sich durch den gesamten Band ziehen. Die Studie sei der „Versuch einer Annäherung“ an das Thema und Teil der öffentlichen Diskussion darüber, sagte Zöllner.

In West-Berlin war es der Heimkampagne von 1968 zu verdanken, dass ein Umdenken einsetzte, auch wenn die Initiatoren als 68er Revoluzzer verunglimpft wurden. Im Osten bedurfte es des Umbruchs von 1989, um die politisch determinierte Umerziehungspraxis zu beenden.

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