Berlin : Heimlich von Kleist

Zum 225. Geburtstag des Dichters gibt ein handgeschriebenes Poem immer noch Rätsel auf: Hat er bei Goethe abgeguckt?

Andreas Conrad

„Unter allen Zweigen ist Ruh, In allen Wipfeln hörest du keinen Laut. Die Vögelein schlafen im Walde, Warte nur, balde schläfest du auch.“ Irgendwas stimmt hier nicht. Die Verse kommen einem bekannt vor, das schon, Goethes Gedicht „Ein Gleiches“ ist geradezu deutsches Allgemeingut, aber herrschte nicht beim Dichterfürsten „über allen Gipfeln“ Ruhe? Und die Vögelein, die Goethe lediglich „schweigen“ ließ, machen jetzt gar ein Nickerchen. Hat hier einer den großen Meister kongenial zu variieren versucht? Und vor allem, wer ist der Wortverdreher? Die Handschrift, mit der die Verse aufs mittlerweile vergilbte Papier geworfen wurden, lässt Experten kaum einen Zweifel. Heinrich von Kleist selbst hat die Feder geführt. Handschriftliches von ihm hat Seltenheitswert. Es war also schon eine kleine Sensation, als im vorigen Herbst im Katalog des Berliner Auktionshauses J. A. Stargardt der unscheinbare Zettel angeboten wurde.

Für rund 70000 Mark konnte das Kleist-Museum Frankfurt (Oder) ihn damals ersteigern, morgen Abend nun, anlässlich des 225. Geburtstages des Dichters am Freitag, wird er im Berliner Kleist-Haus, Mauerstraße 53 in Mitte, erstmals öffentlich gezeigt. An der Stelle befand sich einst das letzte Wohnhaus Kleists, das jetzige entstand 1913. Günter Blamberger, Präsident der Kleist-Gesellschaft, und Jochen Golz, in gleicher Funktion bei der Goethe-Gesellschaft, werden dort über das rätselhafte Blättchen debattieren. Recht gut geklärt ist die Herkunft. Der Zettel gehörte zur Sammlung des Hamburger Bankiers Max Warburg, war von diesem 1871 als Teil der Sammlung des Dichters Adolf Böttger erworben worden, berichtet Ingrid Patitz vom Kleist-Museum in Frankfurt (Oder), dem Geburtsort des Dichters. Schon schwieriger ist die Frage, wann Kleist seine Goethe-Variation geschrieben hat. Das Original entstand 1780, wurde von Goethe aber erst 1815 zum Druck freigegeben, Jahre nach Kleists Tod, der am 2. November 1811 gemeinsam mit seiner Gefährtin Henriette Vogel freiwillig aus dem Leben schied, am Kleinen Wannsee, wo beide auch begraben sind. Goethes Gedicht war aber in gebildeten Kreisen offenbar bekannt, auch druckte August von Kotzebue 1803 in seiner Zeitschrift „Der Freimüthige“ eine ihm zugesandte, aus dem Englischen übersetzte Goethe-Anekdote ab, die das Gedicht, in einer durch Hin- und Rückübertragung entstellten Form, enthielt. Möglich, dass Kleist dies gelesen hatte und sich angespornt fühlte, es seinem Vorbild Goethe gleichzutun. Oder sollte er seine Version vielleicht doch erst Jahre später verfasst haben, als subtile Rache für die katastrophalen Premiere seines „Zerbrochenen Krugs“ am 2.März 1808 in Weimar? Kleist hatte sie nicht miterlebt, machte aber zu Recht Goethe verantwortlich, der „eine rasch durchgeführte Handlung“ vermisste, den Einakter gleichwohl in drei Akte zerstückelte. Da lag der Versuch nahe, den gleichsam in die Unendlichkeit gerichteten Blick des einst so verehrten Meisters zumindest im Gedicht wieder auf den Boden zurückzuholen.

Eine neu entdeckte Kleist-Handschrift – Präsentation und Gespräch, 17. Oktober, 19 Uhr, Mauerstraße 53 in Mitte und 18. Oktober, 18 Uhr, Kleist-Museum Frankfurt (Oder).

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