Berlin : Heimspiel in Klein-Istanbul

Der türkische Ministerpräsident Erdogan wollte in Kreuzberg frühstücken – doch dazu kam er kaum

Suzan Gülfirat

„Wir wollen unseren Ministerpräsidenten sehen“, riefen die drei jungen Frauen im fünften Stock des vornehmen Hauses in Kreuzberg auf Türkisch. Und dabei waren sie unübersehbar, weil sie als einzige unter den mehreren hundert Gästen ihr Haupt islamisch verhüllten. Vorbei an den Sicherheitskräften hatten sie es bis in die höchste Etage geschafft, um den türkischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan zu Gesicht zu bekommen. „Egal, ob mit oder ohne Kopftuch. Die Menschen sollten in Frieden zusammenleben“, sagte dieser gerade in seiner Tischrede – aber die Frauen hatten keine Chance, ihn zu sehen. Das verboten die Sicherheitsbestimmungen. Einige streng blickende Männer begleiteten die drei wieder nach unten.

Der Kurzbesuch von Recep Erdogan am Freitag in Berlin war eigentlich rein privater Natur. Die Bertelsmann-Stiftung hatte ihn sowie dreißig weitere Repräsentanten aus anderen Ländern zu einem EU-Symposium ins Auswärtige Amt eingeladen. Da kam dem Vorsitzenden der Europäischen Akademie, Peter-Jörg Klein, die Idee, den hohen Besuch aus der Türkei zusammen mit Berliner Vertretern des türkischen Unternehmerverbandes „Tüsiad“ in seine Privatresidenz am Paul-Linke-Ufer zum Frühstück einzuladen. Und Erdogan, der sein Land in die EU führen will, sagte zu.

In Kreuzberg wurde er vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Bezirks-Bürgermeisterin Cornelia Reinauer (PDS) empfangen. Immerhin war Erdogan der erste türkische Ministerpräsident, der den Bezirk mit dem Beinamen „Klein-Istanbul“ besuchte. Auch die Vorsitzende des Innenausschusses, Cornelia Sonntag-Wolgast (SPD), kam vorbei – und die Polizei sperrte den Bereich am Paul-Linke-Ufer vom Kottbusser Damm bis zur Ecke Manteuffelstraße ab und schaute jeden scharf an, der hindurch wollte.

In der Residenz gab es solch ein Gedränge, dass nicht einmal der Gast zum Frühstücken kam. „Ein interessanter Mann“, sagte Klaus Wowereit nach dem Gespräch auf den gemütlichen Sesseln. Und Erdogan erklärte: „Ich begrüße es, wenn meine Landsleute sich hier integrieren.“

Etliche schafften es dann doch noch, ihren Ministerpräsidenten zu sehen. Kurz vor seiner Abfahrt gegen 12 Uhr zum Auswärtigen Amt fingen sie ihn vor dem Haus ab und jubelten ihm zu. Allerdings nahm die Polizei auch vier mit roten Transparenten ausgestattete türkische Demonstranten fest. Schließlich gehört auch das zu einem Staatsbesuch.

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