Berlin : Heimweh ohne Bitterkeit

Europas ältestes jüdisches Filmfestival wurde feierlich im Rathaus eröffnet

Elisabeth Binder

Iris Berben hat nicht zu viel versprochen. Schon bevor der Film „Don’t call it Heimweh“ gezeigt wurde, warnte sie die Zuschauer im voll gepackten großen Saal des Berliner Rathauses, dass der Film sie berühren werde. Die Dokumentation über die 82-jährige Margot Friedlander, die in Berlin versteckt die Nazizeit überlebte und nach dem Krieg in die USA auswanderte, eröffnete das 11. Jewish Film Festival Berlin und Potsdam 2005.

Beinahe wäre es am fehlenden Geld gescheitert, aber private Spenden, unter anderem von Albert Meyer, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, machten es dann doch möglich, dass Europas ältestes jüdisches Filmfestival auch in diesem Jahr stattfinden kann. Und nicht nur das. Zum ersten Mal ist es gelungen, ein richtiges Programmbuch zu machen zum diesjährigen Thema „Heimat, Heimweh, hejmisch sein“, sagte Festival-Leiterin Nicola Galliner. Außerdem sei es das erste jüdische Filmfestival, dass mit einer feierlichen Matinée im Rathaus eröffnet werde. Das war dem Leiter der Senatskanzlei, André Schmitz, zu danken. Damit wolle er, „das unverdiente Geschenk, dass es wieder jüdisches Leben gibt in Berlin“, unterstützen, sagte er. Für ihn zählt das Festival, das für viele junge Filmemacher auch ein wichtiges Sprungbrett ist, zu den Perlen der Filmstadt Berlin. 22 Filme aus zehn Ländern werden noch bis zum 30. Juni im Kino Arsenal am Potsdamer Platz gezeigt.

Auch der Regisseur des Eröffnungsfilms, Thomas Halaczinsky, war aus den USA gekommen. Als er vor drei Jahren verschiedenen deutschen Fernsehstationen den Dokumentarfilm vorschlug, hieß es überall: „Bloß nicht noch ein Holocaust-Film.“ Geschichten wie diese kennen viele Jugendliche gar nicht, sagte Iris Berben in der Einführung. Nach dem Tod ihres Mannes, der sich einen Besuch nicht vorstellen konnte, kehrte Margot Friedlander vor zwei Jahren erstmals wieder zurück in ihre alte Heimatstadt: „Mit wachen, hellen Augen und ohne Bitterkeit“, wie Schmitz erzählte. Sie selbst resümierte: „Ich habe erreicht, was ich machen wollte, die Hand auszustrecken nach jungen Menschen.“ Als sie im Untergrund lebte, ließ sie sich die Nase operieren, um weniger jüdisch auszusehen. Gestern stand sie, umringt von Freunden, da im großen Rathaussaal und nahm zusammen mit dem Regisseur eine stehende Ovation entgegen.

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