Berlin : Heinrich Burchard (Geb. 1951)

Die Utopie wird Wirklichkeit mittels des Baurechts

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Glaubt man Thomas Manns Geschichte der Buddenbrooks, dann hat jede Familie nur ein gewisses Quantum Glück, das sich irgendwann im Laufe der Generationen erschöpft.

Johann Heinrich Burchard war ein bedeutender Mann in der Hamburger Gesellschaft, Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt, ein Freund Kaiser Wilhelms II., wiewohl kein Monarchist, sonst hätte ihn Max Liebermann wohl nicht porträtiert, sondern stolzer Hanseat, was – nach Überzeugung der Hanseaten – die höchste Vervollkommnung des Menschseins darstellt, auch wenn sie niemals damit renommieren würden.

Heinrichs Vater war Konsul, und die Familie folgte ihm auf den Stationen seiner Karriere nach Norwegen und England. In einer solchen Familie aufzuwachsen, die sich ihrer Bedeutung sicher ist, garantiert nicht nur gute Manieren und ein gewinnendes Auftreten, es gibt auch Kraft und Mut zur Rebellion – sofern der Charakter zum Protest taugt. Heinrich Burchard konnte sich wunderbar aufregen, über alles. „Ich empöre mich, also bin ich.“

„Wir demonstrierten gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam, unterstützten die Befreiungsbewegungen in Afrika und Südostasien“, erinnert sich ein Weggenosse. Die Zeit der großen Worte, aber auch der praktischen Hilfe. Heinrich plante und baute mit Freunden eine medizinische Ambulanz für die palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon.

Das brachte ihm Ärger mit seinen Architektur-Professoren und dem Rektorat ein, aber „Hände weg von Heinrich“, skandierten seine Kommilitonen. Er war beliebt bei Männern wie Frauen, ein großer Kerl mit Lockenkopf, nie auf den Mund gefallen, immer vorneweg. Aber was tun, wenn die Revolution auf sich warten lässt? Die Utopie wird Wirklichkeit im täglichen Häuserkampf. Nein, nicht mit Gewalt, sondern mittels des Baurechts.

Das alte Kreuzberger Quartier am Wassertorplatz sollte Ende der siebziger Jahre wie viele andere Gründerzeit-Viertel komplett abgeräumt werden, um einer Neubebauung Platz zu machen. Heinrich setzte sich mit anderen für Erhaltung und Sanierung des Quartiers ein. Er entwickelte Konzepte für die Umwandlung von Kirchen in Begegnungsstätten, ein Maoist in Diensten des Bischofs.

„Soziale Baukultur“, „Lebenswerte Mitte“, solche Schlagworte handhabte er treffsicher. Heinrich war ein guter und gefürchteter Redner. Manchen Vertretern von Politik und Verbänden fiel die Kinnlade runter, wenn sie ihn nur im Publikum erkannten.

Er arbeitete viel als Vorprüfer in Wettbewerben, wo es oft nur darum geht, den Arrivierten einen freien Durchmarsch zu garantieren. Aber er insistierte in der Sache, gab allen eine Chance: „Haben Sie sich das mal genau angesehen?“

Nebenbei betrieb er eine kleine Galerie, in der er sich allerdings nur Bilder als Honorar auszahlen ließ. In geschäftlichen Dingen war er oft blauäugig. Feine Menschen haben häufig das Pech, von weniger feinen Menschen als billige Beute betrachtet zu werden. Es waren nicht die Spekulanten, die ihn über den Tisch zogen, es waren Menschen, denen er vertraute. Ein Café am Hackeschen Markt war sein Lieblingsprojekt. Anfänglich betreute er es nur als Architekt, dann half er mit Geld aus, mit viel Geld, und blieb auf den Schulden sitzen.

Schwierige Zeiten, ein Auf und Ab, aber er blieb zäh. Viel brauchte er nicht. Er wohnte in einem kleinen Dachgeschoss, das er selbst ausgebaut hatte. Er fand eine neue Liebe. Sein Architekturbüro gewann langsam wieder Zulauf. Der Horizont schien weit und offen. Da kam die Nachricht der unheilbaren Erkrankung.

Er glaubte nicht ans Ende. Vielleicht auch nur den anderen zuliebe. Er hoffte auf das Quäntchen Glück. Noch zwei Tage vor seinen Tod baute er ein neues Regal. Er plante die Bestattung im Familiengrab in Hamburg, die Trauerfeier in Berlin, in der Heilig-Kreuz-Kirche, die er selbst mit umgebaut hatte. Und er skizzierte seinen Sarg: ohne Beschläge, ohne Griffe, so schlicht wie möglich, im hanseatischen Stil eben.

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