Berlin : Heinrich von Kleist: Zu Lebzeiten missachtet, im Tode vernachlässigt

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Die Nacht im Wirtshaus "Neuer Krug" hatten sie mit dem Schreiben von Abschiedsbriefen verbracht. Am 21. November 1811 setzte sich Heinrich von Kleist, verarmt und verzweifelt, gemeinsam mit der sterbenskranken Geliebten Henriette Vogel an eine stille Bucht am Kleinen Wannsee an der Bismarckstraße. Sie schickten die Magd fort, um eine weitere Tasse Kaffee zu holen - und dann fielen zwei Schüsse. Eine Kugel durchdrang Henriettes Herz, die andere Kleists Kopf, beide abgefeuert von ihm. Der Dichter war 34 Jahre alt, hatte acht Dramen und viele Prosa-Texte geschrieben, deren Bedeutung erst im 20. Jahrhundert recht erkannt wurde. Auf Henriette Vogel, die keine Berühmtheit erlangt hatte, weist an der Stelle nichts hin. Doch auch Kleists Grabstein lässt nach Ansicht der vor einem halben Jahr gegründeten Neuköllner "Initiative Kleist-Gedenkstätte" zu wünschen übrig: ein unansehnlicher Stein, von Efeu umrankt, umgeben von einer vernachlässigten Grünanlage - viel Wert scheint der Autor des "Zerbrochenen Kruges", des "Michael Kohlhaas" und des "Amphytrion" den Berlinern nicht zu sein.

"Ich bin da spazieren gegangen", erzählt der Initiativen-Gründer und Geschichtslehrer Gert Schneider, "der Zustand ist unwürdig." Schneider war schockiert, "dass einer der großen deutschen Dichter, der schon zu Lebzeiten zu kurz kam, auch jetzt noch vernachlässigt wird." Statt des einfachen Steins soll nun ein behauener Findling die Grabstelle markieren, mit eingefügten Medaillons, die scherenschnittartig die Profile der beiden dort Ruhenden umfassen. Daneben wünscht sich die Initiative eine Stele mit Textauszügen und eine Gedenktafel, die über die näheren Umstände des Freitodes informiert. Außerdem soll das 3000 Quadratmeter große Grundstück Bänke erhalten und rundum erneuert werden.

Wie viel sich von dieser Wunschliste verwirklichen lässt, ist jedoch ungewiss. "Der Zustand wird zu Recht kritisiert", sagt Kulturstadtrat Norbert Kopp (CDU), "aber in meinem Etat ist Ebbe." Andere Bürger halten den jetzigen Zustand des Grabes für angemessen, sagt Baustadtrat Ralf Körner (CDU), "diese Leute sind auch gegen eine Nennung von Henriette Vogel." Und der Denkmalschutz habe ohnehin ein Wort mitzureden. Die Ideen der Kleist-Initiative würden nach eigenen Angaben rund 30 000 Mark kosten - ohne Grünanlage. Man habe jedoch schon einige Zusagen von Sponsoren. Pünktlich zum 190. Todestag des Dichters im November sollte das Grab umgestaltet sein, hofft Schneider.

Kleists Todesstelle scheint wie sein Leben von Anfang an unter einem schlechten Stern gestanden zu haben. Die 1808 entstandene Komödie "Der zerbrochene Krug", ein sozialkritisches und politisches Stück, fiel bei der Uraufführung am Weimarer Hoftheater unter dem Regisseur Johann Wolfgang von Goethe durch. Die im selben Jahr geschriebene Tragödie "Penthesilea" hatte Goethe als "maßlos" verworfen. Der Tod als einzige mögliche Erfüllung der Liebe durchzieht Kleists Werk ebenso wie der aufklärerische Gestus und das Leiden an der Welt. Er soll zudem tief in Schulden gesteckt haben.

Auf eigenen Wunsch hin wurden er und Henriette auf einem Hügel am Wannsee-Ufer beerdigt, doch das Grab war bald überwuchert und kaum mehr zu finden. Erst in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts ließ man einen unbehauenen Granitwürfel mit Kleists Lebensdaten aufstellen - diese waren jedoch fehlerhaft. Auch dieser Stein verwitterte und wurde 30 Jahre später ausgetauscht und mit einem Bibelspruch versehen. 1936 gab es die bisher letzte Erneuerung, das Bibelzitat wurde durch eines aus dem "Prinzen von Homburg" ersetzt: "Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein." Immerhin stimmen seitdem die Lebensdaten des Dichters. Die Kleist-Initiative hat noch nicht entschieden, welches Zitat den neuen Grabstein zieren soll. Kleist selbst hatte sich bereits am Morgen, bevor er starb, einen Nachruf gegeben: "Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war."

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