Heinz Brandt : Streitbar für die Freiheit

Heinz Brandt kämpfte gegen Nazis und Stalinisten. In diesem Jahr wäre der Widerstandkämpfer und Mitgründer der Grünen 100 Jahre alt geworden. Jetzt ehrt ihn eine Schule.

Thomas Loy
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Berliner Unikat. Heinz Brandt wäre in diesem Jahr 100 geworden. -Foto: Ullstein

Wie jetzt? Heinz Brandt? Ein wichtiger Politiker aus Berlin? Der hieß doch Willy … Willy Brandt.

So geht es vielen, die zum ersten Mal von Heinz Brandt hören, dem unbeugsamen Widerstandskämpfer, aufrechten Antistalinisten und Atomkraftgegner, Mitgründer der Grünen, der aber gleich wieder ausgestiegen ist, um nicht verbogen zu werden. Das muss sein Lebensmotto gewesen sein: Rückgrat zeigen. Nicht die Utopien verraten, um keinen Preis. Benni sagt: „Er war ein mutiger Mann.“

Benni ist 14, Schüler der Heinz-Brandt-Schule in Weißensee. Er hat zusammen mit seiner Klasse einen Comic gezeichnet zu den wichtigsten Lebensstationen ihres Schulpatrons, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre.

Benni wusste vorher nichts von Heinz Brandt, jetzt weiß er fast alles. Dass der als Jude und KPD-Aktivist von den Nazis ins Zuchthaus gesteckt wurde, sechs Jahre lang. Dass er die Namen seiner Freunde trotz brutaler Verhöre nicht preisgab. Dass ihn zwei Polizisten am Gefängnistor abholten, um seinen Leidensweg fortzusetzen. Die nächsten Stationen waren die Konzentrationslager von Sachsenhausen, Auschwitz und Buchenwald. Heinz Brandt überlebte das Grauen, ungebrochen.

Vor 1933 hatte Brandt zu den „Versöhnlern“ in der Berliner KPD gehört, also den Leuten, die lieber mit der SPD zusammenarbeiten wollten als gegen sie. Deshalb wurde er seiner Parteiämter enthoben. Nach dem Ende des Nazi-Terrors sah er den Zusammenschluss zur SED positiv. Er stieg zum Parteisekretär auf, doch als er mit den Demonstranten des 17. Juni 1953 sympathisierte, kam es mit der SED zum Zerwürfnis. Heinz Brandt fand zudem heraus, dass sein Bruder in Moskau den Säuberungen Stalins zum Opfer gefallen war. 1956 forderte er öffentlich die Absetzung Walter Ulbrichts. Seine Verhaftung drohte, deshalb flüchtete er mit seiner Familie nach West-Berlin.

Hier wurden seine Wege von der Staatssicherheit genau protokolliert. Brandt arbeitete als Redakteur für die Gewerkschaftszeitung der IG Metall. Während eines Kongresses in West-Berlin, zwei Monate vor dem Mauerbau, entführten ihn Stasi-Schergen und brachten ihn ins Gefängnis Hohenschönhausen. Später stellte sich heraus, dass ein guter Freund und Kollege von Brandt für die Stasi arbeitete. Wegen Spionage wurde Brandt zu 13 Jahren Haft verurteilt. Seine neue Leidensstätte war das Zuchthaus Bautzen. Die Bundesregierung protestierte gegen die Entführung und Inhaftierung des Politikers, doch erst nach einer Kampagne der neu gegründeten Organisation Amnesty International beugte sich die DDR dem Druck.

Heinz Brandt blieb auch im Westen ein streitbarer Beobachter. Als die Proteste gegen das geplante Atomendlager Gorleben begannen, beteiligte er sich – inzwischen als älterer Herr mit weißem Haarkranz – an Sitzblockaden und ließ sich von der Polizei wegtragen. Weil er den Filz zwischen Atomlobby und Gewerkschaften kritisierte, überlegte auch die IG Metall, ob man ihn nicht besser ausschließen sollte, aber wegen seiner Popularität traute man sich nicht an ihn heran.

Sein letztes Engagement vor dem Tod 1986 gehörte der Solidarnosc-Bewegung in Polen. Am 13. Dezember 1981 wurde das Kriegsrecht verhängt und die Solidarnosc verboten. Heinz Brandt gründete in vielen Städten Unterstützungskomitees, die Gelder für die polnischen Gewerkschafter sammelten.

Für den Nonkonformisten Brandt blieben die üblichen Ehrungen für große Zeitgenossen aus. Berlin hat nur eine Straße nach ihm benannt, auf dem ehemaligen Mauerstreifen in Pankow. Die Hauptschule in Weißensee nahm seinen Namen vor zehn Jahren an. „Er hat sich von niemandem verbiegen lassen“, heißt es im Comic von Bennis Klasse. Das Wort „niemandem“ ist dick unterstrichen.

Für Benni liegen die Prüfungen des Lebens noch weitgehend vor ihm. Die nächste ist der Mittlere Schulabschluss. Da wird es neben den Klausuren auch eine Präsentation geben, 20 Minuten muss er zu einem Thema seiner Wahl sprechen. „Nur 20 Minuten?“ Benni verschränkt die Arme und streckt seinen kräftigen Körper. Soll heißen: Ist doch ein Klacks. Heinz Brandt würde ihm jetzt auf die Schulter klopfen. Thomas Loy

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