Berlin : Heinz Friese (Geb. 1930)

Dass seine Heimat in einem anderen Land liegt? Inakzeptabel

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Dresden im Mai 2003, auf dem Neumarkt vor der Frauenkirche stehen viele tausend Menschen. Schweigend steht Heinz Friese da, etwa 50 Meter von der Kirche entfernt. Jahrelang hat er gespendet, damit die Kirche wieder aufgebaut werden kann. Er ist aus Berlin angereist, um dabei zu sein, wenn das Bauwerk vollendet wird. Sieben neue Glocken sollen an diesem Tag eingeweiht werden.

Heinz Friese kommt aus Dresden. Hier, ganz in der Nähe, ist er aufgewachsen, am Ferdinandplatz, mitten im Zentrum. Er hat die Kreuzschule besucht, mit dem Knabenchor der Kruzianer hat er in der Frauenkirche gesungen, zuletzt 1944. Und er hat die Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 überlebt, den Feuersturm. Sprechen will er darüber nicht. Seine Gefühle gehen keinen etwas an. Auf Fremde wirkt er mitunter unnahbar und abweisend.

Auch jetzt schweigt er. Er will sich zusammenreißen. Disziplin! Eine oder zwei Tränen kann er nicht zurückhalten.

Im Mai 1949 hat Heinz Friese Dresden verlassen. Bei den Volkskongresswahlen in der SBZ ist der Geographiestudent und Vertreter der Liberalen mit dem Vorsitzenden der FDJ aneinandergeraten, Erich Honecker. Noch am selben Abend kaufte sich Heinz Friese eine Zugfahrkarte und floh nach West-Berlin.

Seine Mutter musste er zurücklassen, sein Dresden, seine Heimat. Und immer wollte er zurückkehren dorthin.

Er studiert Geographie an der Freien Universität. Ein Wissenschaftler im Sinne Wilhelm Humboldts: Er will nicht nur forschen oder reisen. Er will lehren, die Schüler für die Schönheit der Erde begeistern. Und er will alles ihm Mögliche tun, dass es wieder ein Deutschland gibt. Dass seine Heimat in einem anderen Land liegt? Inakzeptabel.

Doch zunächst muss er sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Geographentag in Kiel, 1969: Auch unter den Geographen proben die 68er den Aufstand: Der Erdkundeunterricht ist ihnen nicht systemkritisch genug, nur Friede, Freude, Eierkuchen, und noch immer vom Nationalsozialismus durchdrungen. Sie wollen alles anders machen.

Heinz Friese ist kein Bilderstürmer. Im Schulgeographenverband ist er zuständig für Grundsatzfragen; Altbewährtes sollte man nicht leichtfertig aufgeben, meint er. Nun steht er, dem zwei Diktaturen seine Jugend zerstört haben, als Reaktionär am Pranger.

Mit Autoritäten hat er selbst seine Probleme. Er ist besser im Führen als im Gehorchen. Er bekämpft sie auf seine Weise, mit Humor. Einer seiner Lieblingswitze: Lokführer Max fährt in den Bahnhof Jüterbog ein. An der Weiche springt der Zug aus den Schienen, fährt die Böschung hinunter und stoppt erst nach einem Zickzackkurs auf einer Wiese. Aus dem Stellwerkhäuschen kommt Paul gerannt: „Mensch, Max, was machst du denn da?“ – „Stell dir vor, Paul. Da läuft plötzlich der Erich Honecker vor mir her!“ – „Ja warum hast du ihn denn nicht umgefahren?“ – „Ich hab’ ihn doch erst hier erwischt.“

Bei einer Studienreise in den Achtzigern nach Kiew macht er mit zwei Kollegen einen Abstecher in ein Kaufhaus. In den Regalen gähnende Leere. An einem Tresen sieht er zwei Kunden stehen. „Wir stellen uns mal dazu“, sagt er seinen Begleitern. Nach einer Minute ist die Schlange schon um ein Dutzend Menschen länger, die sich nun umsonst die Beine in den Bauch stehen. So also funktioniert Sozialismus.

1988 organisiert er den Deutschen Schulgeographentag. Die Kollegen aus der DDR sollen dabei sein, dürfen aber nicht in die Bundesrepublik reisen. Also verlegt Friese das Treffen nach Salzburg, nennt es „Mitteleuropäisches Geographen-Symposium“ und lässt die Österreicher die Einladungen verschicken.

Kurz nach der Wende kommt er noch einmal Erich Honecker sehr nah. Heinz Friese reist zu einer Tagung nach Vilm. Die Insel in der Ostsee war früher Urlaubsort der Regierung. Stolz erzählt er danach: „Ich hab’ im Bett von Erich Honecker geschlafen.“

Nicht alles lässt sich mit Humor überspielen. Als nach mehreren Stunden die sieben Glocken endlich in der Frauenkirche angekommen sind und nach 58 Jahren erstmals wieder ihr Läuten erklingt, ist Heinz Friese schon im Hotel. Er hat es nicht mehr ausgehalten und ist eher gegangen. Jan Mohnhaupt

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