Berlin : Heinz Georg Finck (Geb. 1913)

Die Haltung kerzengerade: „Tanzen mit Niveau“

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Heinz Georg Finck begann die Erzählung seines Lebens am liebsten mit der Schilderung einer Zugfahrt nach Berlin 1945. Neben ihm saß ein Berliner: „Wat sindse? Tanzlehrer? Gratuliere und in Deckung, die Leute werden Ihnen die Bude einrennen.“ Heinz Georg Finck betrachtete durch das Fenster die Ruinen und staunte über so viel Zuversicht.

Über die Jahre davor sprach er, wie so viele, nur ungern. Er wurde zunächst als Flakhelfer eingesetzt und später in ein englisches Kriegsgefangenenlager befohlen, wo er die Briefe der Gefangenen übersetzte. 1942 war er im Lazarett, Hepatitis. Dies war die einzige Stelle, an der er redseliger wurde: Lazarett-Schwester Gudrun pflegte ihn durchaus eigennützig, denn sie hatte vor, zur Weihnachtsfeier mit ihm zu tanzen. So lernten die künftigen Eheleute einander kennen. Von ihm ermuntert, ließ Gudrun ihren ungeliebten Beruf als medizinisch-technische Assistentin fallen und absolvierte eine Tanzlehrer-Ausbildung.

Der Zugnachbar hatte die Lage richtig eingeschätzt. Für eine Tanzstunde gaben die Berliner, wovon sie selbst kaum hatten: Eier, Brot, Briketts. In Scharen strömten sie in die Zwei-Zimmer-Wohnung in Charlottenburg, um sich ihre Schritte nicht länger vom Nationalsozialismus, sondern vom Ehepaar Finck führen zu lassen.

Die Rollen waren klassisch verteilt. Frau Finck meinte, das Tanzen müsse man spüren und griff den Schülern um die Taille. Herr Finck hingegen erklärte die Schrittfolgen wie ein Mathematiklehrer das Einmaleins und wahrte Distanz. Wenn es nötig war, tanzte er die Figuren zur Anschauung vor.

Disziplin und Sachlichkeit hatte er mitgebracht aus Ostpreußen. Seine Eltern waren Gutsbesitzer in der Nähe von Königsberg und zunächst sehr unglücklich über die Tanzlust des Sohnes. Hatte er doch kurz zuvor noch einen ganz vernünftigen Berufswunsch geäußert: Ingenieur. Ein Ingenieurs- Sohn, das wäre was. Aber ein Tänzer? Da konnte er ja gleich Hampelmann werden!

Dabei lag Heinz Georg Finck nichts ferner als ein Hampelmann-Leben. Er hatte bei seinem ersten Standard-Tanzkurs entdeckt, dass seine Wendigkeit, sein technisches Interesse und sein Hang zur Präzision ihn im Tanzsport weit brachten. Und das baute er aus, mit einer Geradlinigkeit und Disziplin, die jedes preußische Elternpaar beglücken musste. In Königsberg machte er eine Tanzlehrer-Ausbildung, und als er 1937 seine ersten Tanzstunden gab, schenkte die Mutter ihm zum Zeichen der Aussöhnung ein Klavier.

Bald mussten sie ihre Räume vergrößern, bald verlegten sie ihre Schule in ein eigens dafür gebautes Haus in der Ahornallee nah beim Theodor-Heuss-Platz, in dessen oberen Räumen sie mit den beiden Söhnen wohnten.

Ihr Werbeslogan lautete: „Tanzen mit Niveau“. Das gefiel der Kundschaft, die vornehmlich aus Charlottenburg stammte. Die Fincks selbst waren die perfekte Verkörperung jenes Niveaus, das sie versprachen. Sieben Mal hintereinander gewann das Ehepaar neben anderen Turnieren den zweiten Platz der Deutschen Meisterschaften. Immer traf man Heinz Georg Finck in Schlips und Sakko, nie sah man ihn die Fassung verlieren.

Egal, wie viele Stunden er schon hinter sich hatte, egal, ob er einen Grundkurs leitete oder die Spitzenklasse trainierte, seine Haltung war immer kerzengerade, sein Blick hellwach und kritisch.

Tanzsport bedeutete für ihn eine Haltung zum Leben: Leichtigkeit durch Selbstbeherrschung und Konzentration, Schönheit durch das Wahren der Form.

Sein Lieblingstanz war der Wiener Walzer. Linksdrehung, Rechtsdrehung, und das Fleckerl. Keine Möglichkeiten, das Tempo oder die Figuren zu variieren. Wo die meisten Paare schon nach zwei Minuten nachlässig wurden, drehte er sich noch nach zwei Stunden fehlerfrei über das Parkett.

Und weil er vom Tanzsport so überzeugt war, füllten der Turniertanz und das Unterrichten ihn noch lange nicht aus. Er choreographierte große Bälle, stand über 60 Jahre lang am Rande von Turnieren, um mit seinem nimmermüden Blick Leistungen einzustufen und Bewertungen abzugeben, arbeitete im Vorstand des Tanzlehrerverbandes.

Erst mit Mitte siebzig beschloss er, seine Tanzschule an ein Weltmeisterpaar zu verkaufen, das bei ihm gelernt hatte. Der Name Finck, längst eine Marke, wurde mit übernommen.

Noch als Über-Neunzigjähriger gab Heinz Georg Finck Privatstunden im Wiener Walzer. Seine höfliche Distanziertheit verlor er nie. Wurde er jedoch zu Bällen als Ehrengast geladen und gebeten, vorzutreten, um den Applaus entgegenzunehmen, stand ihm ehrliche Freude ins Gesicht geschrieben. Anne Jelena Schulte

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