Berlin : Heinz Gläser (Geb. 1943)

Sein Standardwerk: „Wasser marsch in der DDR“

Thomas Loy

Die Feuerwehrhistorik ist im Kanon der modernen Wissenschaften eine relativ junge Disziplin. Etliche Fragen sind noch völlig unerforscht. Mit seinem Standardwerk „Wasser marsch in der DDR“, einem faustdicken Monolith, fast 800 Seiten stark, hat Heinz Gläser einen weithin sichtbaren Pflock in die karge Forschungslandschaft geschlagen. Das Nachfolgewerk über die Ost-Berliner Feuerwehr befand sich seit Jahren im Entstehen, wuchs Seite um Seite, verdrängte die Sorgen um die eigene Gesundheit. Zuletzt, so schien es, bestand Heinz Gläser nur noch aus einem einzigen Gedanken, den er auf seinem Sterbebett als Mahnung an die Zurückbleibenden formulierte: „Das Buch!“

Ich wuchs bei Oma und Opa auf, meine Eltern brachte der Krieg auseinander. Mein Vater war in westalliierter Gefangenschaft, meine Mutter fand eine andere Liebe. Oma und Opa hielten ihr Versprechen, das sie ihrem Sohn mit in den Krieg gaben: auf mich aufzupassen.

Für seine eigene Lebensgeschichte reichten sieben Seiten. Überschrieben ist sie mit „Die Hohenschönhausener Feuerwehr – fast mein Zuhause“. Ein Foto zeigt drei Männer in Feuerwehruniform, die Arme hinter den Rücken verschränkt, links Jochen, der Sohn von Heinz, mittig der Vater, der auch Heinz heißt, rechts Heinz selbst, ein breitschultriger Kerl mit offenem Lächeln und Bauchansatz.

Den Vater hatte er erst mit fünf Jahren kennengelernt. Heinz durfte ihn zur Brandschutzkontrolle begleiten, in die Gewächshäuser der LPGs und ins Tropenhaus der Humboldt-Universität. Dort wuchsen die Kakteen, die Heinz so liebte. Er steckte sich Ableger in die Hosentasche und litt höllische Qualen, bis der Kontrollgang beendet war.

Mit 20 durfte Heinz endlich selbst Feuerwehrmann werden, freiwilliger Feuerwehrmann, der Unterschied war ihm wichtig. Wenn die Sirene heulte, sprangen Papa und Sohn nun zusammen aus ihren Betten, polterten die Treppen hinunter und radelten zur Feuerwache.

Heinz machte Karriere, in der Brandbekämpfung und auch sonst. Er war fleißig, hatte gute Noten, studierte Geografie, wollte eigentlich Lehrer werden, bekam aber eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Ministerium für Verkehrswesen. Und eine Wohnung auf der Fischerinsel, 19. Stock, drei Zimmer mit Telefon und Zentralheizung. Damit befand er sich leider nicht mehr im Ausrückebereich der Feuerwache Hohenschönhausen. So verpasste er viele Einsätze. Nur am Wochenende, wenn sie im Kleingarten die Alarmsirene hörten, schwang sich Heinz Gläser wieder aufs Fahrrad.

Nach 25 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr war er ganz oben angekommen. Sein Titel: „Hauptbrandinspektor der Freiwilligen Feuerwehr der DDR“. Mehr ging nicht. Bei alledem kamen Beruf und Familie nicht zu kurz. Heinz brauchte ein solides Fundament, von dem aus er seiner Leidenschaft nachging. Es traf sich gut, dass seine Frau die Leidenschaft zunehmend teilte.

Was von seiner Freizeit übrig blieb, investierte Heinz in Archivrecherchen. Er gründete den „Beirat der Berliner Feuerwehrhistoriker“ und besorgte sich ein Buch aus dem Westen. Es erzählt die Geschichte der Berliner Feuerwehr von Anbeginn und hat gerade mal 221 Seiten. Jede Seite bezahlte Heinz Gläser mit mehr als zwei DDR-Mark.

Einen Monat später bekam er das Buch geschenkt, mit einer Widmung vom Autor. Das war 1987, zur 750-Jahrfeier Berlins. Heinz war mit Festumzugsvorbereitungen befasst und lernte den obersten Feuerwehrhistoriker West-Berlins kennen. Die Männer verstanden sich prächtig. Im Januar 1990 besiegelten sie die Wiedervereinigung der Berliner Feuerwehrhistoriker.

Heinz war nach der Wende keinen Tag arbeitslos, er wurde von der Deutschen Bahn als Personalreferent übernommen und begab sich zum frühestmöglichen Zeitpunkt in die Altersteilzeit, um weiter zu forschen und zu schreiben. Seine Wohnung wurde zur Kommunikationszentrale für die Aufarbeitung der DDR-Feuerwehrgeschichte. Allein das Material für seine Bücher füllte drei Festplatten.

Heinz Gläser überlegte noch, wie er es am besten organisieren könnte, in der Rehaklinik mit seinem Laptop, den vielen Telefonaten und der Korrespondenz. Da hatte der Krebs ihn längst besiegt. Thomas Loy

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