Berlin : Heinz Kutta (Geb. 1913)

Orgel war viel besser als Klavier!

Candida Splett

Ein Kinoabend Anfang der zwanziger Jahre. Der zehnjährige Heinz begleitet einen Stummfilm am Klavier. Plötzlich wird es still: gebannt von der Spannung des Films, hat er das Spielen ganz vergessen.

Heinz’ Vater, der auf Wunsch seiner Eltern nach Abschluss seines Musikstudiums auf eine Karriere als Berufsmusiker verzichtet hatte, spielte abends nach der Arbeit bei Feiern Trompete und Geige. Seinen Sohn nahm er mit, der spielte Klavier. An der Hochschule für Musik studierte Heinz später Orgel und Komposition. Orgel war viel besser als Klavier! Er liebte das Pedalspiel, die tiefen, kraftvollen Töne. Nach seinem Examen 1939 hätte er am liebsten gleich als Kirchenmusiker angefangen.

O du meine Seele, singe fröhlich, singe, / Singe deine Glaubenslieder.

Doch hatte er zunächst Befehl, Norwegen einzunehmen. Der Kreuzer „Blücher“ sank schon bei seinem ersten Kampfeinsatz. Mehr als 800 Soldaten starben, Heinz schwamm an einem brennenden Ölteppich vorbei an Land. Danach ging er nie wieder schwimmen.

Auch die Kirchen ließ der Krieg nicht unversehrt, und so gab es nach seinem Ende nicht viele Orte, an denen Heinz hätte Orgel spielen können. Immerhin aber fand er Arbeit an der Deutschen Oper, wo er als Korrepetitor Ballett- und Gesangsproben auf dem Klavier begleitete. Als sich endlich die Gelegenheit bot, wieder Orgel zu spielen, schlug er das Angebot des noch unbekannten Baritons Dietrich Fischer-Dieskau aus, dessen Pianist zu werden. Heinz wurde Organist und Kantor der Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg. Und blieb es 35 Jahre lang.

Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön!

Margarete und Heinz begegneten einander in der Kirche. Margarete war bei der Chorprobe und entdeckte beim Gang über die Orgelempore den Organisten mit dem schönen schwarzen Haar. Nach der Hochzeit 1947, zu der das Paar Kohlen geschenkt bekam, gab Margarete auf Wunsch ihres Mannes ihre Arbeit auf und wurde Musikerfrau. Heinz war für das Musizieren und die Musikerziehung der Kinder zuständig, Margarete für den Rest. Auch sang sie in seinem Kirchenchor und besuchte alle seine Konzerte.

An Heiligabend ging es turbulent zu: Heinz spielte bei fünf Gottesdiensten. Zu den ersten beiden begleitete ihn die Familie. Anschließend fuhren alle gemeinsam von Kreuzberg mit dem Taxi zurück nach Siemensstadt, wo eilig Bescherung gefeiert wurde. Den Rest des Abends verbrachte Heinz dann wieder in der Kirche.

Fast in jeder Minute, in der er nicht Orgel spielte, komponierte er. Vor allem Orgelvorspiele für Kirchenlieder, aber auch Präludien, Orgelkonzerte und eine Toccata. Seine Tochter Barbara, selbst Musiklehrerin und Organistin, war oft die Erste, die seine Kompositionen spielte. Dann geschah es, dass er Passagen umschrieb, sobald sie sie beherrschte, und ihr die Änderungen auf passgenau zugeschnittenen Notenblättern lieferte, mit denen sie die alten Stellen überkleben sollte.

Mit Freunden machte Heinz Hausmusik, ganz egal, ob diese Profimusiker waren oder nicht. Und auch mit Margarete musizierte er, sie an der Mandoline. Übte er zu Hause auf dem Klavier, dann saßen die Kinder Barbara und Norbert daneben, lauschten, beobachteten und spielten nach. Er ermunterte sie, selbst zu musizieren, aber er nötigte sie nicht, Musiker zu werden. Norbert wurde Trompeter.

Als Heinz mit Mitte achtzig einen leichten Schlaganfall erlitt, empfahl der Arzt gegen den herunterhängenden Mundwinkel das Küssen. Der Ratschlag war ebenso willkommen wie wirksam. Und er spielte auch weiterhin, weitgehend unbehelligt von seinem Alter, bei Gottesdiensten, Beerdigungen und Gemeindefesten. Er verreiste mit seiner Frau, lernte Sprachen und beschäftigte sich mit Physik, dem Studienfach seiner Enkelin.

Erst die ungewohnt düstere „Präambel Nr. 2“, die er mit 94 Jahren komponiert hatte, drückte aus, was Heinz nicht sagte: Dass er sein Ende nahen sah. Er starb am Heiligen Abend. Candida Splett

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