Berlin : Heiße Phase

Kunsthandwerker wie Glasbläser Wolfgang Müller machen im Advent 70 Prozent ihres Jahresumsatzes

Ina Brzoska

Trotz des grauen Dezembertags setzt Glasbläser Wolfgang Müller die dunkle Brille auf. Ein gleißend helles Licht strömt aus dem Gebläse. Stoßweise pustet er Luft durch den dünnen Schlauch. 800 Grad braucht es, bis die milchigen Glasröhrchen zu beweglichen Klumpen schmelzen, aus denen Müller das Glas formt. Jede freie Minute verbringt der Berliner Meister derzeit in seiner Werkstatt. Zur Adventszeit herrscht Hochbetrieb in der Pankower Manufaktur. Nicht nur für den Einzelhandel ist die Zeit vor Weihnachten die wichtigste Zeit des Jahres, auch Kunsthandwerksbetriebe wie der von Wolfgang Müller kommen derzeit nicht zur Ruhe. Rund 70 Prozent des Jahresumsatzes erwirtschaftet der Betrieb in den Monaten November und Dezember. Von Glaskugeln über Weihnachtsbäume bis hin zu Kanarienvögeln oder Elefanten – der Fantasie der Kunden setzt Müller keine Grenzen. „Die Geschmäcker sind verschieden“, sagt er schmunzelnd.

Besonders wichtig fürs Geschäft sind alljährlich die Weihnachtsmärkte. „Dieses Jahr sind wir an vier Standorten in Berlin vertreten“, sagt Tochter Mareike Frister. Die 26-Jährige übernahm vor drei Jahren das Management des Familienbetriebs. Seitdem liegen Verkauf, Kundenberatung, Organisation und Buchhaltung in ihrer Hand. „Die letzten Jahre kamen wir mit der Nachlieferung kaum hinterher.“ In der heißen Phase helfen daher Verwandte und Freunde beim Verkauf auf Märkten in Spandau, Unter den Linden, am Hauptbahnhof und am Opern Palais.

Seit über 100 Jahren ist die Glasbläserei Familientradition. Der Urgroßvater erlernte das Handwerk in der Glasbläser-Hochburg Thüringen. Mit 16 Jahren ging Wolfgang Müller bei dem Vater in Westberlin in die Lehre. Nach Meisterbrief und Praxiserfahrung folgte der Schritt in die Selbstständigkeit.

Vor zehn Jahren spezialisierte er sich auf das Kunsthandwerk. Von Billigware aus Asien will sich Müller durch Qualität abheben. „Jedes Stück ist ein Unikat“, sagt er. Damit fand der Glasbläser seine Nische. Liebhaber zahlen bis zu 1000 Euro für seine Figuren. „Gute Fachkräfte kommen immer noch aus Thüringen“, sagt Müller. Ein Stück weit ist er nach der Wende zu den Wurzeln zurückgekehrt. Rohlinge und Halbprodukte bestellt er in Gotha, aus Thüringen kommen auch einige seiner Lehrlinge. „Die Glaskunst soll ja weiterleben“, sagt er.

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