Berlin : Heißer Draht nach Funafuti

Wie Deutschland in den Sicherheitsrat kommt

Matthias Oloew

Sie liegen mitten im Pazifik und sind so isoliert wie kaum ein anderes Fleckchen Erde. Die einzige regelmäßige Verbindung der neun Atolle von Tuvalu zur Außenwelt ist ein Mini-Jet der Fluggesellschaft Air Fiji mit 23 Sitzen, der drei Mal pro Woche landet. Wenn die Maschine aufsetzt, heulen auf dem Hauptatoll Funafuti die Sirenen. Sie sagen den Bewohnern: Macht die Rollbahn frei! Denn die Piste verläuft quer durch die Hauptstadt, auf der schmalen und überbevölkerten Koralleninsel ist einfach zu wenig Platz. So dient sie als Straße oder Fußballplatz und eben auch als Landebahn. Am Rand stehen Stoppschilder: „Give Way“. Dahinter donnert der Jet durch den Ort.

Hier gelandet, bräuchte man nicht viel Zeit, um mit den Regierungsmitgliedern zu sprechen. Das Parlament steht gleich nebenan, die Büros des Ministerpräsidenten sind gegenüber. Allein, es kommt fast niemand. Aus Deutschland schon gar nicht. Dabei spielt Tuvalu eine wichtige Rolle. Als eines von 26 Ländern unterstützt es die deutschen Ambitionen um einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat. Die USA hat Joschka Fischer nicht überzeugt, dafür aber sieben pazifische Inselstaaten – neben Tuvalu auch Palau, Fidschi, Nauru, Kiribati und die Salomonen.

Dass Joschka Fischer nie in Funafuti war, macht den Tuvaluern nichts aus. Es reicht ihnen, dass er ihre Delegation zum alljährlichen Essen des Auswärtigen Amts am Rande der Generalversammlung in New York einlädt. Willkommen sind die Vertreter aller kleinen Inselstaaten, wenn sie Mitglied der Vereinten Nationen sind. Dann sitzen sie im Deutschen Haus und lauschen den warmen Worten aus Deutschland. Hans-Dietrich Genscher hat einst damit angefangen. Für Joschka Fischer ist das Essen so wichtig wie für keinen seiner Vorgänger – alles wichtige Stimmen für Deutschland.

Tuvalu, in der Fläche ein bisschen kleiner als San Marino, aber deutlich größer als Monaco, ist seit 2000 UN-Mitglied. Vorher konnte es sich die Mitgliedschaft nicht leisten. Erst die Vermarktung des Internet-Kürzels „.tv“, das Tuvalu als Länderkennung erhielt, aber vor allem für Fernsehstationen interessant ist, brachte Geld ein. Und damit die Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen. Seither lässt Tuvalu bitten. Nicht in Funafuti, das geht wegen der Flugverbindung nicht, aber anderswo, zum Beispiel in New York.

Auch Japan hat in Tuvalu einen treuen Fürsprecher, nicht nur in Sachen Sicherheitsrat. Japan verdiene einen Sitz, sagte Tuvalus Gesandter in der Vollversammlung. Die Insulaner stützen Japan auch in der Internationalen Walfang-Kommission. Seit 2004 ist Tuvalu dabei, um für die Freigabe der Jagd auf die Meeressäuger zu votieren. Taiwan schätzt ebenfalls den Draht nach Funafuti. Tuvalu ist eines der wenigen Länder, die Taiwan anerkennen und infolgedessen einer der Winkel der Erde, in die der taiwanesische Präsident überhaupt reisen darf. Die Belohnung: Taiwan gab günstige Kredite für die Regierungsbüros, in denen die Sekretärinnen einen Gutteil ihres Tages damit verbringen, Rosenholzduft aus Dosen zu versprühen. Japan unterstützte großzügig den Bau des Krankenhauses.

Die Deutschen sind die wichtigsten Arbeitgeber in Tuvalu. Deutsche Reeder schätzen die Tuvaluer als Seeleute. Außerdem hat sich herumgesprochen, dass Deutschland kein Problem mit Getränkedosen kennt. Das hätte auch Tuvalu gerne gelöst, denn die Dosen türmen sich an den Enden der Hauptinsel zu rostenden Bergen. Willkommen wäre auch ein Beitrag für die staatliche Fluggesellschaft, die es noch nicht gibt. Dann müssten die Tuvaluer nicht immer nach Fidschi jetten, sondern könnten zur Abwechslung andere Nachbarn besuchen. Welcher Flughafen der Welt hätte dann Yaren (die Hauptstadt Naurus), oder Bairiki in Kiribati im Angebot? Nur Funafuti International.

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