Berlin : Heißer Kampf um einen alten Toyota

Vier Mal im Jahr werden sie versteigert: Die Autos, die wild geparkt oder nicht abgeholt wurden. Der Landeskasse bringt das 50 000 Euro

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Von Frank Thadeusz

Man kennt diese Stimmung von Popkonzerten: Der Star des Abends ist noch nicht auf der Bühne, könnte aber jeden Augenblick auftauchen. Während im Dunkel der Kulisse schon ein Licht aufblitzt, scharrt das Publikum nervös mit den Füßen, und denkt: Wann geht’s endlich los? So glamourös wie in der Welt des Pop geht es an diesem Nachmittag in der Kantine des Bezirksamtes Lichtenberg nicht zu. Weil die Stars des Tages alte Autos sind, die versteigert werden sollen, sind trotzdem etwa 150 Leute gekommen. Autos ziehen immer. Irgendwer hat schon mal eine blasse Aufnahme von der Startnummer 1, einem gelben Nissan Micra, auf eine Dia-Leinwand geworfen. Und auch wenn dieses alte Stück mit Baujahr 1987 später keiner haben will, macht sich umgehend Nervosität breit.

Dann kommt Jörg Herrmann auf die improvisierte Bühne und stellt sich hinter ein Stehpult. Für die nächsten anderthalb Stunden verwandelt sich der Sacharbeiter, der mit blütenweißen Hemd und roter Krawatte erschienen ist, in so etwas wie einen Showmaster. Durch die ersten Nieten der 300 PKW umfassenden Liste arbeitet sich Herrmann mit kühler Gelassenheit. „Niemand bietet 50 Euro für den Opel Corsa Swing? Dann wird der Wagen verschrottet". Viel Mitgefühl können die Mitarbeiter vom Fachbereich Fahrzeugbeseitigung für die Schrottmühlen kaum noch aufbringen. Rund zwei Millionen Euro Personalkosten werden im Berliner Haushalt jährlich fällig, weil etwa 3500 wild geparkte und nicht abgeholte Autos verwaltet werden müssen. Die 50 000 Euro, die bei den quartalsmäßig durchgeführten Versteigerungen erwirtschaftet werden, „sind ein schönes Zubrot, aber die Behörde lebt nicht davon“, sagt Fachbereichsleiter Steffen Krefft.

Nach einer halben Stunde wird Jörg Herrmann etwas lockerer. „Als nächstes ein Opel Kadett Beauty. So einen habe ich selber schon gefahren.“ Wortspielchen sind in dieser Situation eben nicht gefragt, denn unter dem überwiegend männlichen Publikum wird selten Deutsch gesprochen. Ein Mann räumt zwei Opel Omegas für 500 Euro ab und kriegt dafür einen kleinen Szenenapplaus. Seinen Kauf mag er nicht kommentieren, nur so viel: „Für Sohn, für Sohn".

Ein anderer hat außer Konkurrenz für 50 Euro den Zuschlag für einen Lada erhalten. „Der wird jetzt schön ausgeschlachtet“, sagt er mit einem Grinsen, das wohl Vorfreude signalisieren soll. Dann leisten sich mehrere Bieter einen heißen Kampf um einen Toyota Carina mit Erstzulassung vom Dezember 1988. Doch auch wenn Jörg Herrmann fleht: „Gebt mir die ersten Tausend“, das Endgebot sind 900 Euro und damit Tagesrekord.

Es sei eben „diesmal viel Durchschnittsware“ dabei gewesen“, resümiert Steffen Krefft. Gleichwohl: The show must go on. Für die nächste Versteigerung im Oktober verspricht Krefft einen Renner. „Ein Daewoo mit 99er Baujahr“, sagt er, und hebt mit Kennerblick eine Braue. Das Publikum wird toben.

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