Berlin : Heißer Typ im Kalten Krieg

Mit rosa Cadillac und anderen Devotionalien: Der Tränenpalast zeigt die Ausstellung „Elvis in Deutschland“

Lothar Heinke

Er spaziert als Paradiesvogel in extravaganter Bekleidung über die Showtreppe. Er singt und spielt auf drei Leinwänden, flimmert über ein halbes Dutzend Monitore und präsentiert dabei allerlei private Devotionalien vom Haarbüschel aus der Schmalztolle bis zum sechs Meter langen rosafarbenen Cadillac-Cabrio mit weißen Ledersitzen. Elvis Presley ist da.

Mitten in Berlin, im Tränenpalast, singt und röhrt und schluchzt der König des Rock’n’Roll ab heute Abend, und wir ahnen, weshalb der Mann so revolutionär war und unsterblich geworden ist: „Elvis hat die Welt befreit, indem er die Menschen aufforderte, ihre Gefühle zu leben“, sagt Nigel Kingsley, einer der unzähligen Elvis-Imitatoren. Und nun ist der Mann mit dem kreisenden Becken und dem Schmalz in der Stimme im Museum gelandet: „Elvis in Deutschland“ heißt die Ausstellung aus dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik, und der Tränenpalast als Zeugnis des Kalten Krieges ist als Ort der Schau klug gewählt – denn die amerikanische Heulboje galt der offiziellen DDR als eine Art singende Haubitze im Kalten Krieg, vor der man die Seelchen der jungen Garde beschützen musste (und als Ersatz den bieder-doofen Lipsi-Tanz erfand). Walter Ulbricht wetterte gegen die „ekstatischen ,Gesänge‘ eines Presley“ – aber auch im Westen sahen die Altvorderen das Treiben der Rock’n’Roller mit sehr gemischten Gefühlen. „Solange ich regiere, werde ich alles tun, um dieses Unwesen zu zerstören“, empörte sich Ludwig Erhard. „Man hätte die Ausstellung auch ,Kalter Krieg und heiße Rhythmen‘ nennen können“, sagt der Kurator Jürgen Reiche, denn „Elvis steht nicht nur für gute Musik, Rebellentum und Hüftschwung, er ist auch ein Stück Zeitgeschichte.“ Die Musik war ebenso grenzüberschreitend wie der Konfliktstoff in deutschen Wohnzimmern.

300 Ausstellungsstücke erinnern vor allem an die Ereignisse, die der Star auslöste, als er von 1958 bis 1960 in Deutschland seinen Wehrdienst ableistete. Samt Familien-Clan wohnte Elvis damals in Bad Nauheim, Goethestraße 14. Damals drehten sich schon 50 Millionen Elvis-Platten auf den Grammofon-Tellern, und wo der smarte US-Boy mit der wandelbaren Schmeichelstimme auftauchte, gerieten nicht nur weibliche Jungmenschen in Ekstase. Der Friseur, der dem Idol regelmäßig die Haare schnitt, damit die GI-Mütze vorschriftsmäßig sitzen konnte, bewahrte den Stuhl und das Waschbecken ebenso auf wie eine Haarsträhne – übrigens kostete ein „Regular Haircut“ bei Karl-Heinz Stein in den Ray Barracks in Friedberg damals 35 Cent.

Gitarren und Bilder, Platten, Plakate und Fotos erzählen die Geschichte eines rebellischen Auf- und Umbruchs. Prominente Leihgeber sind Ted Herold und Peter Kraus („Sugar Baby“) – 140 000 Zuschauer hatte die Elvis-Schau zuletzt in Bonn. Der Sänger, der am 16. August 1977 im Alter von 42 Jahren starb und am 8. Januar 2005 70 Jahre alt geworden wäre, war wohl nie in Berlin – aber es gibt ein amüsantes Zeugnis seiner durchschlagenden Wirkung: Ein 20-jähriger Berliner, Bernd Feuerhelm, erhielt am 17. Februar 1963 einen Strafbefehl über zehn Mark, weil er „als Fußgänger beim Überqueren der Fahrbahn der Oranienstraße nicht wie vorgeschrieben den kürzesten Weg gewählt hatte“. Nein, „in der Folge des Überquerens führte er in Begleitung einer weiteren Person auf der Fahrbahnmitte Tanzbewegungen aus, die den fließenden Kfz.-Verkehr zur Berufszeit behinderten.“ Der junge Straßenrocker in der Lederjacke tanzte sich seinen Elvis – die Halbstarken blieben, lange nachdem sich ihr Vorbild musikalisch aus Germany verabschiedet hatte. So sang es Elvis in seiner Version von „Muss i denn“ – „Sei mir gut, sei mir gut, sei mir wie du wirklich sollst, ’cause I don’t have a wooden heart“.

„Elvis in Deutschland“ vom 10. Juni bis 28. August im Tränenpalast, täglich 10 bis 18 Uhr, Eintritt vier Euro, ermäßigt zwei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar