Berlin : Held der Zivilisation

Mietek Pemper half Oskar Schindler, 1200 Juden zu retten. Gestern wurden beide geehrt

Claudia Keller

Mit seinen schmalen Händen umklammert Mietek Pemper das Rednerpult. Seine Stimme – wie der ganze Mann – ist so zart, dass es im Raum ganz still wird. Dann spricht Pemper über den Tag, als er in der Amtsstube des gefürchteten Kommandanten des Konzentrationslagers Krakau-Plaszow ein Geheimprotokoll aus Berlin gelesen hat. Nur noch jene Betriebe sollten künftig ihre jüdischen Arbeitskräfte behalten dürfen, die nachweisen können, dass ihre Produktion „siegentscheidend“ ist. Mietek Pemper ist heute 87 Jahre alt und lebt in Augsburg. 1944 war er Stenograph von KZ-Kommandant Amon Göth.

Gestern wurde Pemper in der israelischen Botschaft mit der Carnegie-Medaille für Lebensretter ausgezeichnet. Die Medaille für den1974 verstorbenen Oskar Schindler nahm Shimon Stein entgegen, der israelische Botschafter. Es sind die ersten beiden Medaillen, die die amerikanische Carnegie-Stiftung für Lebensretter in Deutschland seit dem Krieg vergeben hat. Denn die deutsche Abteilung der Stiftung, 1910 ins Leben gerufen, unterstand ab 1934 NS-Reichsmarschall Hermann Göring, wurde nach dem Krieg aufgelöst und erst vergangenes Jahr neu begründet. Mit seiner Stiftung wollte Stahlbaron Andrew Carnegie den „Helden der Front“ die „Helden der Zivilisation“ entgegensetzen. Oskar Schindler und Mietek Pemper seien in diesem Sinne wahre „Helden der Menschlichkeit“, sagte Stiftungspräsident Andreas Huber.

Dass er auf eine Stufe mit Oskar Schindler gestellt wird, behagt Mietek Pemper nicht so recht. „Zwischen Schindler und mir müsste ein gewisser Abstand sein“, sagt er verlegen. Denn Schindler, jener Lebemann und Kriegsgewinnler, dem sich im entscheidenden Moment das Herz öffnete für das Leid seiner jüdischen Arbeiter, ist und bleibt für Mietek Pemper die Lichtgestalt seines Lebens. Ohne ihn hätten er und 1200 andere Juden die Nazi-Herrschaft nicht überlebt. Mehr als 6000 Juden, ihre Kinder und Enkel verdanken Schindler ihr Leben, sagt Pemper. Und doch nicht nur Schindler allein. Auch ihm, dem jüdischen Stenographen des Lagerkommandanten Göth.

Pemper gab Schindler den entscheidenden Tipp, dass es nicht mehr reiche, Emailletöpfe herzustellen, um jüdische Arbeiter zu retten. Töpfe seien wohl nicht „siegentscheidend“. Schindler stellte die Produktion um und verlagerte die Fabrik weiter in den Westen, wohin er 1200 Juden mitnehmen konnte – jene, deren Namen auf der Liste standen.

Der Platz auf der Liste war umkämpft. Einer der Arbeiter in Schindlers Fabrik, der es nicht darauf schaffte, war Edward Halpern. Seine Tochter arbeitet heute in der israelischen Botschaft. Beim Empfang nach der Ehrung gratulierte sie Mietek Pemper, allerdings nicht ganz ohne Verbitterung. Ihr Vater sei nicht gut zu sprechen auf Schindler. Der Name Halpern sei nur auf der ersten Version der berühmten Liste aufgetaucht. Anstatt in die neue Fabrik wurde ihr Vater nach Mauthausen abtransportiert. „Hätten wir nicht noch mehr retten können?“, habe sich Schindler bei Kriegsende oft gefragt. Diese Frage, sie nagt auch an Pemper. Bis heute. Claudia Keller

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