Berlin : Helden wie wir

Das Geheimnis der Gefängniskirche: Monatelang hatten die polnischen Freiheitskämpfer den Aufstand vorbereitet, dann wurden sie verraten. Nach einem Mammutprozess in der noch unfertigen Moabiter Musterstrafanstalt ergingen harte Urteile. Nur die Märzrevolution 1848 rettete sie vor Schwert oder Zuchthaus

Andreas Conrad

Im Spätsommer 1847 hatte eine seltsame Leidenschaft die Bevölkerung der preußischen Residenz befallen. Als besonders anfällig erwies sich deren weiblicher Teil: „Berlins vornehme Damenwelt schwärmt für die dort vor den Schranken des Hochgerichts stehenden Polen, namentlich ist Mieroslawski, und er verdient es, ein Gegenstand enthusiastischer Verehrung“, schrieb das Altenburger Blatt „Deutsche Eisenbahn“. Offenbar kein nur lokales Phänomen, wie dem Braunschweiger „Leuchtturm“ zu entnehmen war: „Neun Zehntel unserer heiratsfähigen Damen würden Herrn von Mieroslawski ohne weiteres heiraten.“ Selbst Bettina von Arnim, die Berliner Jeanne d’Arc der Armen und Unterdrückten, geriet in einem Brief an Friedrich Wilhelm IV. geradezu ins Schwärmen über den Polen, „der dem Leben entsagt und die Hinrichtung achtet als den Heldentod, der ihn befreie von der Einkerkerung“.

Der 23-jährige Ludwik Mieroslawski, Hauptangeklagter unter den 254 Polen, die im neuen Berliner Zellengefängnis wegen Hochverrats vor Gericht standen, hatte aber auch wirklich alles, was ihn in der Gesellschaft des Vormärz zum Volkshelden prädestinierte: als exilierter Sohn eines polnischen Berufsoffiziers und einer Französin eine hinreichend romantische Herkunft, eine schöne, männliche Gestalt, natürlich Vollbart – und vor allem die Begabung, seine Ideen von Freiheit und nationaler Einheit mit feurigen Worten und heroischen Gesten vorzutragen. Selbst Bismarck, fürwahr kein Freund der polnischen Freiheitskämpfer, musste dem rhetorischen Talent Mieroslawskis Anerkennung zollen.

Pathos für Polen

Die hitzige Begeisterung der Salondamen war nur die Spitze des Polen-Enthusiasmus, der in Preußen und dem übrigen Deutschland ausgebrochen war, ausgelöst durch die Niederschlagung des Aufstandes im russisch besetzten Warschau 1831. „Noch ist Polen nicht verloren“ – eine ganze Generation von Poeten, Malern, Komponisten berauschte sich am Pathos der späteren polnischen Nationalhymne, einst Lied der Dabrowski-Legionen, die an Napoleons Seite gegen Österreich gekämpft hatten. Ludwig Uhland ließ sein 1833 verfasstes Gedicht „Mickiéwicz“ sogar in der berühmte Zeile münden, nur eines von rund 1000 Polengedichten, die damals geschrieben wurden. Auch entstanden in zahlreichen Städten Polen-Vereine, um den Emigranten zu helfen. Allerdings war es wohl weniger reine Liebe zu der Nation im Osten als vielmehr Projektion eigener Wünsche und Hoffnungen. In ihren Kampf für eine nationale Einheit und bürgerliche Freiheiten machten die Polen den Deutschen vor, was diese auch für sich vergeblich ersehnten.

Immerhin hatte man hierzulande nicht mehr unter Fremdherrschaft zu leiden wie die Nachbarn, deren Staat bei den drei polnischen Teilungen Österreich, Russland und Preußen zugefallen war. Auf dem Wiener Kongress 1815 schließlich wurden der Netzedistrikt um Thorn, Danzig und das Großherzogtum Posen dem Königreich Preußen zugesprochen. In den folgenden Jahrzehnten wechselte dort mehrfach die Politik gegenüber den polnischen Untertanen, gestand man ihnen mal mehr, mal weniger Rechte zu. An einen selbständigen polnischen Staat aber dachte natürlich auch der seit 1840 regierende Friedrich Wilhelm IV. nicht, der verglichen mit seinem Vater als weltoffen galt und auf den sich auch die bald enttäuschten Hoffnungen des deutschen Bürgertums richteten.

Nach dem gescheiterten Warschauer Aufstand 1830/31 waren die meisten Flüchtlinge nach Frankreich emigriert. Von dort sollte auch der erneute Versuch zur Befreiung Polens ausgehen, der 1847 in dem Prozess im Berliner Zellengefängnis endete. Schon in März 1832 war in Paris die Polnische Demokratische Gesellschaft gegründet worden, bald folgten geheime Komitees in den besetzten Gebieten, so auch in Posen, das Sitz der konspirativen Zentrale wurde. Die Freiheitsbewegung war keineswegs einheitlich, neben der in Paris gegründeten, eher bürgerlich-demokratischen Gesellschaft gab es ab 1842 in Posen den radikaleren Bund der Plebejer, dem später im Prozess kommunistische Tendenzen vorgeworfen wurden.

Schließlich kristallisierte sich der Plan zu einem Aufstand heraus, der am 21. Februar 1846 zugleich in den preußischen, russischen und österreichischen Teilen Polens losbrechen sollte, mit Ludwik Mieroslawski als Oberbefehlshaber.

Für die preußische Polizei kam das nicht überraschend. Mitte Januar hatte der König die Bildung einer Untersuchungskommission befohlen, nur wusste man nichts Genaues – bis am 5. Februar 1846 der polnische Gutsbesitzer Henryk Poninski beim Posener Polizeipräsidenten Julius von Minutoli erschien und den Plan samt den Hauptbeteiligten verriet. Sieben Tage später wurde Mieroslawski festgenommen, noch unter seinem Decknamen, erst nach Informationen aus Warschau erkannten die Beamten, wen sie vor sich hatten. Innerhalb weniger Wochen waren 374 Personen von der preußischen Polizei inhaftiert, und der Aufstand war zu Ende, noch ehe er begonnen hatte. Nur vereinzelt kam es noch zu Zwischenfällen, so zu einem vergeblichen Versuch, die Gefangenen aus der Posener Zitadelle zu befreien.

Der Prozess, der am 2. August 1847 im Zellengefängnis gegen 254 Angeklagte eröffnet wurde, bedeutete für Preußens Justiz gleich mehrfach eine Premiere. Zunächst waren die Polen die ersten Häftlinge in der zwischen Lehrter Straße, Invalidenstraße und Berlin-Lehrter Eisenbahn gelegenen Strafanstalt, deren Bau Friedrich Wilhelm IV. 1842 befohlen hatte. Auf dem Weg zum angestrebten „Christlichen Staat“ sollte die Reform des Gefängniswesens die erste Station sein, mit dem Moabiter Zellengefängnis als Musterbau. Direktes Vorbild war die neue Strafanstalt in Petonville bei London, errichtet nach dem so genannten „Pennsylvanischen System“, das die Quäker in Philadelphia entwickelt hatten. Nicht länger sollte es Massenhaft geben, wie sie noch in der Berliner Hausvogtei oder im Spandauer Zuchthaus üblich war. Da Kriminalität gewissermaßen als ansteckend galt, setzte man nun auf Isolation und Einzelhaft, ein früher Versuch zur Resozialisierung. Auch erlaubte der sternförmige Grundriss, den Carl Ferdinand Busse der Anstalt gegeben hatte, eine optimale Überwachung der 550 Zellen.

Eigentlich war der an eine mittelalterliche Burg erinnernde Bau noch gar nicht fertig, als die Polen einzogen. Zudem fehlte ein passender Gerichtssaal für eine so große Zahl von Angeklagten, also baute man kurzerhand die Gefängniskirche um. Das war schon wegen des hohem Publikumsinteresses dringend nötig. Eigens hatte man per Gesetz eine mündliche statt der gewohnten schriftlichen Verhandlung und vor allem die Öffentlichkeit des Verfahrens festgelegt. Rund 500 Zuschauer waren zugelassen, angesichts des Gedränges am ersten Prozesstag – Polizei und Soldaten mussten für Ordnung sorgen – hätte man die Eintrittskarten gleich mehrfach verteilen können.

Die Anklage lautete auf Hochverrat. Nicht allein die Vorbereitung eines Aufstandes für ein neues Polen wurde den Angeklagten vorgeworfen, sondern revolutionärer Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse mit den Zielen „vollkommenste persönliche Freiheit, Gleichstellung aller Stände, Eigentumsverleihung an die Landbauern, ohne Entschädigung des Adels“. Solche Ideen, fürchtete man, könnten auch in Preußen auf fruchtbaren Boden fallen. Mehrfach waren in Berlin die latenten sozialen Konflikte in Ausschreitungen aufgebrochen, so bei der „Feuerwerksrevolution“ 1835, die sich am Verbot, den Geburtstag des Königs mit Raketen und Böllern zu feiern, entzündet hatte, oder erst im April 1847 die „Kartoffelrevolution“, bei der es wegen steigender Lebensmittelpreise zu Plünderungen gekommen war.

Ein Höhepunkt des Prozesses war gleich am zweiten Tag die Verteidigungsrede Mieroslawskis. In den Vernehmungen hatte er, unverständlich für seine Mitstreiter, ein volles Geständnis abgelegt. Nun suchte er seine Aussagen zu relativieren, trat seinerseits als Ankläger der preußischen Politik auf, empfahl ein wiedererwecktes Polen als Bollwerk gegen „das drohende Ungeheuer des Panslawismus“. Rhetorisch war es eine Glanzleistung: „Bald redete er mit der höchsten Kraft im wilden Ungestüme, bald ward seine Stimme klagend, und er konnte Tränen nicht zurückhalten, den heftigsten Schmerz nicht verbergen“, berichtete die „Deutsche Zeitung“. Politisch war das ein großer Erfolg, in nahezu allen europäischen Großstädten druckten die Zeitungen die Rede nach.

Acht Mal Todesstrafe

Juristisch geholfen hat es nicht: Nach 71 Sitzungstagen wurden Mieroslawski und sieben Mitverschwörer am 2. Dezember 1847 wegen „Landesverräterei erster Klasse“ zum Tode durch das Schwert verurteilt. 109 weitere Angeklagte erhielten harte, teilweise lebenslange Haftstrafen.

Nach den Urteilen wurde viel über einen möglichen Gnadenakt des Königs spekuliert, der auch tatsächlich kam, wenngleich unter anderen Umständen als erwartet. Ermutigt durch die revolutionären Aufstände in Paris, Baden und Wien Anfang 1848 hatte die Bevölkerung auch in Berlin erst zu den Fahnen, dann zu den Waffen gegriffen. In der Nacht vom 18. auf den 19. März kam es zu heftigen Straßenkämpfen, die Friedrich Wilhelm IV. zum Einlenken zwangen. Am selben Tag wurde ihm eine Petition zur Amnestie der Polen übergeben, nach deren Bekanntwerden sich am Morgen des 20. März eine Menschenmenge vor dem Schloss versammelte. Zur Not hätte man das Gefängnis gestürmt, der König kam dem zuvor: Die Polen waren frei.

Schon am frühen Nachmittag verließen sie das Gefängnis, zogen im Triumphzug in die Stadt ein, begleitet von 100 000 Bürgern. Bis zum Schloss ging die patriotische Prozession, mehrfach unterbrochen durch flammende Reden, die schwarzrotgoldene und die rotweiße Fahne immer vorneweg. Sogar der König ließ sich auf dem Balkon des Schlosses blicken, entbot der jubelnden Menge mit der Feldmütze drei Mal seinen Gruß, überließ aber dem Minister Graf Schwerin das Wort: „Se. Majestät vertrauen, dass die Polen, nachdem sie gesehen, wie man in Preußen die politischen Gefangenen behandelt, sich auch an Preußen und dessen Königshaus anschließen werden.“ Nun, da hatten Se. Majestät sich geirrt. Schon bald sollten Mieroslawski und die anderen nach Posen abreisen. Noch war Polen nicht verloren.

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