Berlin : Helen Vita: Abschied mit Schnee und Rosen

cdz

Friedlicher könnte sich Berlin nicht von Helen Vita verabschieden: Schnee bedeckt die Stadt, aus der die in Bayern geborene Tochter eines Schweizer Musikers 1939 floh, in die sie nach dem Krieg zurückkehrte und in der sie nach dem Mauerbau blieb. Denn "irgendjemand muss ja bleiben". Am Freitagvormittag liegt Schnee auf dem Hochmeisterplatz in Halensee, überall Weiß. Die Trauergäste tragen Schwarz. Trauerfeiern gehören zu den wenigen Veranstaltungen, die gerade dann schön sind, wenn sie einem Klischee entsprechen. Die Trauerfeier für Helen Vita wird sehr schön werden.

Die Autos sind leiser als sonst, denn der Schnee dämpft den Schall. Die Frauen, die in die Hochmeisterkirche gehen, tragen schwarze Hüte, ihre Männer haben die Kragen hochgeschlagen. Vor dem Altar stehen drei Fotos der Vita: Das Kind, die junge Frau und die berühmte Vita, mit ihrem Pudel und dem roten Püschel auf dem Hinterkopf.

Brigitte Mira, von der Vita immer "Biggi" genannt, sitzt in der ersten Reihe - regungslos, während Musiker der Deutschen Oper Brahms spielen. Erst als Hans-Jürgen Schatz und Frank Golischewski, Freunde der Vita, sprechen, neigt sie leicht den Kopf, bewegt ihn unmerklich nach links oder rechts, hält wieder inne. Sie tut das manchmal, wenn etwas Eindrückliches gesagt wird, manchmal auch unvermittelt. Evelyn Künnecke fehlt, Vitas zweite Partnerin im schrulligen Programm "Drei alte Schachteln". Sie liegt im Krankenhaus, und heute ist nur ihre Managerin da.

"Einzig war sie, artig aber nie", sagt Schatz über Helen Vita, die mit frivolen Liedern, zum Beispiel über den Weg einer Maus zu ihrem Nest, in den 60-er Jahren auf den Index kam. Pfarrerin Dagmar Henke traute ihr zu, dass sie nun Engel dazu bringe, "die Harfe neu zu stimmen". Die Trauernden in den ersten Reihen tragen eine pinkfarbene Rose am Revers, Abschied von der Vita nehmen auch Anna Belle und Madame Clio, Sternchen der Travestie. Die beiden Söhne, Dominik und Patrick Baumgartner sind aus der Schweiz gekommen. Herbert Arndt, ein Freund, der sich um die Vita im Krankenhaus kümmerte, hat Jenny mitgebracht, ihren Pudel. Der Organist spielt zum Abschluss Schostakowitsch. Otto Sander schaut sich vor dem Gehen noch einmal um.

Dreizehn Uhr, die Trauergäste verlassen die Kirche. Der Schnee taut, auf den Straßen ist er schon weg. Im Laufe des Monats wird die Urne in Zürich ankommen, wo Helen Vita neben ihrem Mann bestattet werden soll.

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