Berlin : Helena Bohle-Szacki (Geb. 1928)

"Bis zum Ende kann man das nicht begreifen. Aber ein wenig."

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Viele ihrer Zeichnungen zeigen streng geometrische Formen, die sich öffnen, um den Blick freizugeben auf die Weite: Berglandschaften, den Himmel oder einfach weiche, undefinierte Flächen. So muss auch dieser Nachruf mit Ausschnitten arbeiten, die bestenfalls eine Ahnung geben können von ihrem langen, bewegten Leben.

Helena, von ihren Eltern und Freunden Lilka genannt, wurde im ostpolnischen Bialystok geboren. Ihr Vater war ein deutschstämmiger Textilingenieur, die Mutter eine Jüdin. Ihre ältere Schwester Irka stammte aus der ersten Ehe der Mutter mit einem jüdischen Geiger, aber das durfte Lilka eigentlich nicht wissen. Sie erfuhr es von dem Kindermädchen und war so taktvoll, die Eltern nie darauf anzusprechen. Hinter dem Haus der Familie gab es einen verwilderten Obstgarten, in dem das Mädchen glückliche Stunden verbrachte, eine Schmalzstulle in der einen, ein Buch in der anderen Hand.

Diese friedliche, ruhige Kindheit fand ein jähes Ende, das in Helena Bohle-Szackis Erinnerungen mit dem Geräusch von polternden Stiefeln einherging: dem Einmarsch der Deutschen. Sie verwandelten den Obstgarten und das angrenzende Gebiet in ein Ghetto. Dort mussten sich Mutter und Schwester abends, nach einer Scheinarbeit bei dem Vater, zum Schlafen einfinden. Als der Vater erfuhr, dass das Ghetto abgesperrt werden sollte, brachte er Irka und die Mutter bei wechselnden Bekannten unter. Doch Irka wurde entdeckt und noch am selben Abend erschossen. „Darauf beschloss mein Vater, wenn wir schon umkommen sollten, dann alle zusammen. Er richtete zu Hause hinter dem Schrank ein Versteck ein und nahm Mama einfach zu sich.“ So berichtete es Helena Bohle-Szacki später in einem Interview.

Kurz nach dem Tod ihrer Schwester geriet sie selber in die Gewalt der Nazis. „Vater war bei der Arbeit. Da kamen zwei Gestapobeamte. Die Mutter saß zwei Zimmer weiter. Ich sagte: In Ordnung, ich muss nur meine Papiere und meinen Mantel mitnehmen. Und ich ging und sagte: Mama, die Gestapo nimmt mich mit.“ Nach langen Verhören brachte man sie ins Gefängnis, und von dort zwei Monate später, im Juni 1944, in das KZ Ravensbrück. Da war sie 16 Jahre alt.

„Früher wolltest du über diese Zeit gar nicht erzählen“, sagt in dem Interview die Gesprächspartnerin zu Helena Bohle-Szacki. – „Nein“, antwortet diese. — „Und nun willst du das.“ – „Will ich das? Ich würde nicht sagen, dass ich das will. Es kostet mich viel Nerven, viel Mühe. Aber ich betrachte das als meine Pflicht.“

Von Ravensbrück wurde sie in das Außenlager Helmbrechts gebracht und als Zwangsarbeiterin in der Rüstungsfabrik Neumeyer eingesetzt. „Ich könnte nicht behaupten, dass man diese unsere Gruppe, die zur Fabrik ging, gut behandelte. Die Kinder warfen mit verfaulten Kartoffeln auf uns. Nein, die Einwohner waren nicht nett zu uns.“ Als die Fabrik schloss, wurde Helena, krank an Ruhr und Tuberkulose, ausgehungert und frierend, zu sinnloser Arbeit auf dem Lagergelände gezwungen, etwa zum Ausheben von Löchern, die zu nichts benötigt wurden.

Wie verkraftete das Mädchen dieses Schinden von Körpern und Seelen, dieses Morden, zu dessen Zeugin sie tagtäglich gemacht wurde?

Sie führte ihr Überleben, auch das seelische, neben etwas Glück auf ihre Jugend zurück, auf die Freundschaft zu einigen Mitgefangenen und auf ihren Zeichenstift. Mit diesem Stift fertigte sie jeder Frau, die es wünschte, Marienbilder an. Sie selbst war protestantisch getauft, nach Einordnung der Nazis „Halbjüdin“ und fühlte sich keiner Glaubensgemeinschaft zugehörig. „Die Frauen baten mich so sehr, ihnen das zu zeichnen“, Mutter und Kind, Symbol der Hoffnung.

„Was meinst du, auf welche Weise hat der Lageraufenthalt dein weiteres Leben beeinflusst?“ – „Das mag vielleicht seltsam klingen, aber ich bin zufrieden, dass ich das erlebt habe … Diese Erfahrungen erweiterten in gewissem Sinne mein Denken. Ich bemühe mich, im historischen Sinn, im gesellschaftlichen Sinn zu begreifen, was passiert ist. Bis zum Ende kann man das nicht begreifen. Aber ein wenig. Zu begreifen, um in dem eigenen Denken einiges zu vermeiden. Und ich bin der Meinung, man soll keinen Hass pflegen. Das Wichtigste im Leben ist das Verhältnis zum anderen Menschen. Es gibt nichts Wichtigeres, denn wir existieren nicht für uns allein.“

Den Zeichenstift, der im Lager zum Inbegriff der Hoffnung geworden war, wollte sie auch nach dem Krieg nicht wieder aus der Hand legen. Kaum 19 Jahre alt, bestand sie die Aufnahmeprüfung an der Akademie der Künste in Lodz. Helena nahm den Unterricht, das studentische Leben und die Liebe der Männer so dankbar auf wie eine Durstige, die keinen Tropfen verschütten möchte. „Ich wollte alles nachholen, was mir verloren gegangen war.“

1950 wurde ihr Vater zur Staatssicherheit geladen. „Er ging und wir sahen ihn nie wieder. Wir wissen nicht einmal, was man von ihm wissen wollte, denn es kam zu keinem Verhör. Was sich in seinem armen Kopf abspielte, weiß ich nicht. Jedenfalls, als ein Beamter zu ihm kam und ihn in einen anderen Raum führte, schob er ihn zur Seite und sprang aus dem Fenster. Wir erfuhren das von einer Bekannten, die mit dem Notdienst da war.“

Der Schock lähmte Helenas Mutter zeitweilig beide Hände. „Ich sagte: Mama, reise aus. Hier erwartet dich nichts, nur tragische Erinnerungen.“ Sie hörte auf den Rat ihrer nunmehr einzigen Tochter und ging zunächst nach Israel, später nach Belgien. Helena blieb zurück, nur mit ihrem Stift und dem Wunsch, sich mit ihm in der Welt zu beweisen. Und es gelang. Weil sie im Polen der fünfziger Jahre als Grafikerin nicht genügend Aufträge fand, begann sie für verschiedene Modehäuser und Zeitschriften zu zeichnen, fand viel Anerkennung und einen großen, bunten Freundeskreis. „Doch dann kam das Jahr 1968. Wenn man draußen war, erschien der Himmel bleiern. Die ganze Atmosphäre war sehr unangenehm. Dann diese antisemitischen Geschichten. Und ich, die ich eigentlich nie daran dachte, Polen zu verlassen, begann über meine Ausreise nachzudenken. Im Dezember ’68 stiegen mein Mann und ich in den Zug.“

In West-Berlin suchten sie sich eine neue Bleibe. „Psychisch sträubte ich mich ein wenig dagegen nach all meinen Erlebnissen. Aber ich machte die Erfahrung, dass eine neue Generation herangewachsen war. Und dank dessen gewann ich ein klein wenig Distanz zu meiner Vergangenheit.“

Nach langer, mühsamer Suche fand sie Arbeit in einer Konfektionsfirma. „Das war aber die langweiligste Arbeit meines Lebens.“ Sie begann, an der Volkshochschule zu unterrichten und für Ullstein-Kataloge zu zeichnen. Sehr glücklich war sie, als der Lette-Verein sie als Dozentin für Grafische Komposition und Visuelle Kommunikation einstellte. „Vielleicht machte ich das notgedrungen weniger kompliziert als ein deutscher Pädagoge. Es lief jedenfalls sehr gut, und meine Schüler konnten etwas lernen.“

Neben dem Unterrichten begann sie, als Buchillustratorin zu arbeiten, eigene Ausstellungen zu machen und sich für Galerien zu engagieren, die die Arbeiten polnischer Künstler zeigten. „Damit wollten wir dem ,Polenmarkt’ in Berlin etwas entgegensetzen, denn zu dieser Zeit wurden Polen nur beschimpft. Wir wollten etwas schaffen, das Polen in einem anderen Licht erscheinen ließ.“

In ihrer Wohnung beherbergte sie Künstler aus der ganzen Welt. Ob Studenten, Kollegen oder der Gemüsehändler an der Ecke, die Menschen freuten sich, sie zu treffen, mochten sie für ihre Weisheit und ihren Humor. Selbst Kinder zu bekommen war ihr infolge der Strapazen im KZ nicht möglich.

Ihr letztes Buch heißt „Spuren, Schatten“. Darin setzt sie eigene kleine Texte neben ihre Zeichnungen. In einem heißt es: „Schnell, schnell, warte mal, ich weiß schon, schon scheint mir, dass ich ein Körnchen Wahrheit erfasst habe: Wenn du schon weißt, dass fast alles unwichtig ist, und du es trotzdem als wichtig betrachtest, dann gelingt es dir zu leben. Und wenn dir dazu noch scheint, dass du schon weißt, was wichtig ist, und wenn es dir gelingt, dir vorzumachen, dass es unwichtig ist, dann überlebst du wohl auch das Schlimmste. Und wenn du das Schlimmste überlebst, dann gelingt es dir vielleicht, ein bisschen zu begreifen.“

Sie starb in ihrer Berliner Wohnung an Herzversagen, plötzlich und ohne zuvor eine lange Krankengeschichte zu durchleiden, so, wie sie es sich gewünscht hatte. Anne Jelena Schulte

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