Berlin : Helfen in Zeiten des Sparens: Die hungrigen Kinder von Hellersdorf

Steffi Bey

Sie kommen, weil sie Hunger haben: Mädchen und Jungen aus Hellersdorf, die meisten zwischen sieben und 15 Jahren. Fünfmal die Woche suchen sie nach der Schule den Jugendtreff "Arche" in der Stendaler Straße 75 auf. Seit einigen Wochen kann dort kostenlos Mittag gegessen werden. Mehr als 80 Schüler nutzen täglich das Angebot zum Nulltarif.

"Das Schulessen ist viel zu teuer", sagt der zwölfjährige David. Weil das seine Eltern nicht bezahlen können, gibt es bei ihm zu Hause selten eine warme Mahlzeit. Ähnlich begründet die neunjährige Lisa ihren Hunger. "Meine Mama ist arbeitslos und kann mir kein Geld geben". Eine Freundin hat dem Mädchen von "diesem tollen Angebot" erzählt. Und während zwei ehrenamtliche Helferinnen der evangelischen Freikirche Hellersdorf die Kinder an der Essenausgabe bedienen, setzt sich Pastor Bernd Siggelkow an einen der vielen Tische. Wie immer kommt der Pfarrer schnell mit seinen hungrigen Gästen ins Gespräch. Die Kinder erzählen von der Schule, vom Zoff daheim und der 37-Jährige hört aufmerksam zu. Oft muss er mehreren Kindern gleichzeitig seine Aufmerksamkeit schenken. Der Initiator des Kids-Küchen-Projektes kennt die meisten Kinder mit Namen, denn sie gehören inzwischen zu den "Stammkunden". Er weiß, dass ihre Eltern arbeiten gehen und deshalb oft keine Zeit für ihre Kinder haben. Er weiß auch, dass viele aus kinderreichen Familien stammen oder nur von einem Elternteil erzogen werden. "Die Verhältnisse sind ärmlich und deshalb können sie sich das fast vier Mark teure Schulmittagessen nicht leisten", sagt der Pfarrer.

Eine Umfrage der "Arche" bestätigt den negativen Trend: Demnach erhalten etwa 40 Prozent der Hellersdorfer Schüler nur am Wochenende eine warme Mahlzeit. Auch im bezirklichen "Armutsbericht" wird bei vielen Kindern, zumindest tagsüber eine Unterversorgung festgestellt. "Ohne Frühstück oder Mittagessen kommen die Kinder hungrig in die Freizeiteinrichtungen ...", heißt es unter anderem in diesem Papier. "Genau deshalb engagieren wir uns", sagt Bernd Siggelkow. Ihm ist klar, dass dies kein Problem ist, das auf Hellersdorf begrenzt ist, sondern deutschlandweit eine Reihe von Schülern unterversorgt sind. Aber gerade im kinderreichsten Bezirk hält er diesen Zustand für besonders dramatisch.

Gekocht wird in der "Arche" vorerst mangels geeigneter Räumlichkeiten nicht selbst. Dafür liefert die Firma Bärenmenü täglich zwei Wahlessen zum Sonderpreis von drei Mark pro Portion. Künftig soll das Mittagessen allerdings in einer eigenen Küche zubereitet werden. Siggelkow hofft, dass der Bezirk dem Projekt dafür ein leer stehendes Schulgebäude überlässt. Dort will man dann auch die Freizeitangebote erweitern. Schließlich bleiben die meisten "Esser" bis zum Abend in der Einrichtung. Sie machen dort ihre Hausaufgaben, spielen Billard und Tischtennis oder nehmen an verschiedenen Kursen teil. Finanziert wird das Projekt ausschließlich durch Sponsoren aus der ganzen Bundesrepublik.

Für die 10 000 Mark teure Kücheneinrichtung stellte beispielsweise der Verein "Berliner helfen" einen Teil des Geldes zur Verfügung. Siggelkow hat in den letzten Tagen beobachtet, dass auch immer mal wieder alleinerziehende Väter mitessen. Doch weggeschickt wird niemand. "Wer Hunger hat, soll satt werden", sagt der Pastor. Ein Einkommensnachweis verlangt dafür keiner seiner Mitarbeiter.

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