Berlin : Helfen kann Spaß machen – wenn der Staat mitzieht

Viele engagieren sich ehrenamtlich und kämpfen mit Bürokratie Bundesweiter „Förderpreis für Aktive Bürgerschaft“ verliehen

Sabine Beikler

Was passiert, wenn Fritz Pleitgen, Karneval und bürgerschaftliches Engagement zusammentreffen? Als humorvoller Mensch freut sich der Kölner WDR-Intendant auf die närrischen Tage. Und weil Pleitgen weiß, wie man 700 Zuhörer für eine Gesprächsrunde mit dem sperrigen Titel „Der Wohlfahrtsstaat ist tot – es lebe die Bürgergesellschaft! Bürgerschaftliches Engagement als Allheilmittel!“ begeistern kann, beginnt er seine Moderation am Mittwoch im Forum der DZ Bank anlässlich der Verleihung des „Förderpreises Aktive Bürgerschaft“ gleich mit einer charmanten Stichelei. Es sei schon gut, dass die Moderation nicht am Donnerstag ist. An Weiberfastnacht habe er nämlich immer „Präsenzpflicht“ im Sender. Und auch wenn die Rheinländer Berlin sehr verbunden sind: Was den Karneval betrifft, hätten die Berliner leider „kein Niveau“.

Mitten im Gelächter steigt Pleitgen in die Diskussion mit der ernsten Frage ein, ob der Wohlfahrtsstaat schon tot sei. Im Vergleich mit Großbritannien sei der Wohlfahrtsstaat zumindest nicht marode, sagt Maria von Welser, NDR-Landesfunkhauschefin. Charity, also ehrenamtliches Engagement, sei unter den Briten eine Selbstverständlichkeit. Der englische Staat habe längst kein so gutes soziales Netz wie der deutsche. Rainer Hocher vom Haller Tagblatt widerspricht: Kommunen wie Schwäbisch Hall seien angesichts schrumpfender Steuereinnahmen immer mehr auf bürgerschaftliches Engagement angewiesen. Nur, darin ist sich die Runde einig, darf ehrenamtliches Engagement nicht der Lückenbüßer für staatliche Defizite werden.

„Aber warum engagieren sich immer mehr Bürger?“, fragt Pleitgen. Für RBB-Chefredakteurin Petra Lidschreiber ist dies sowohl ein „Zeichen der Not“ als auch Ausdruck für die „Reife einer Gesellschaft“. Man müsste vielen Menschen erst einmal zeigen, dass es Spaß macht, sich zu engagieren und die Ergebnisse dieser Arbeit zu sehen. Dafür aber müssten bürokratische Hemmnisse abgebaut werden. Lidschreiber hat ein Beispiel: „Ein potenzieller Sponsor für die Berliner Staatsoper wollte als Dank für eine Spende nur ein kleines Namensschildchen an einem Stuhl haben. Doch das wurde ihm hier verwehrt.“ In Bayern aber könne man solche Namensschilder an Opernstühlen als Dank für eine Spende erhalten. Auch der Staat müsse ehrenamtliche Tätigkeiten öffentlich anerkennen, sagt Jürgen Schultheis von der Frankfurter Rundschau, um dadurch andere Bürger zu motivieren.

Ob eine wachsende Bürgergesellschaft letztlich auch den Einfluss von Parteien verändern wird, darin wird sich die Runde nicht ganz einig. Allerdings müssten sich die Parteien, die sich dem „bürgerlichen Lager“ zuordnen, Gedanken über ihr künftiges Selbstverständnis machen.

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