Berlin : Helfen Sie den Obdachlosen!

Annette Kögel

Hinter einer Zeitung kann man sich gut vergraben. Ganz hoch hält der alte Mann das Blatt, so dass ihn niemand mehr sehen kann. Ein wenig Intimität, geschaffen mit ein paar Millimetern Papier. Minutenlang sitzt der Mann so auf einer Bank in der Bahnhofsmission am Zoo und scheint jede Zeile in sich aufzusaugen. Er ahnt sicher nicht, dass diese Zeitung jetzt wieder Menschen wie ihm helfen will. Wie jedes Jahr im Dezember startet der Tagesspiegel jetzt seine Spendenaktion. Wir wollen wieder Mittler sein - zwischen unseren Lesern, die sich gern engagieren, und jenen zwölf Projekten, die wir unter den Bewerbern ausgewählt haben.

Auf den ersten Blick klingen diese Zahlen erfreulich: Die Zahl der wohnungslosen Menschen in Berlin ist rückläufig. Ende vergangenen Jahres lebten in Berlin etwa 6500 Männer und Frauen in Unterkünften von Bezirken oder freier Träger, so die Statistik aus dem Hause der Sozialsenatorin Gabriele Schöttler. 1995 waren es noch 10 600.

Doch nach Angaben der Sozialsenatorin sind es nach wie vor 2000 bis 4000 Menschen, die unter Brücken und auf Parkbänken schlafen, sich in U-Bahnhöfen aufwärmen. Mitarbeiter von Obdachlosen-Hilfsprojekten schätzen die Zahl noch höher.

Manch einer, der nacheinander Job, Frau, Familie und Lebensmut verloren hat, flüchtet sich auch ein wenig in das Leben im Freien. Keine Zwänge, keine Verpflichtung. Aber auch keine Heimat mehr. Für solche Menschen sorgen besonders in der Winterzeit zahlreiche konfessionelle, freie und staatliche Einrichtungen - und der Tagesspiegel hilft wiederum ihnen. Der Spendenverein dieser Zeitung hat die Bewerber genau geprüft. Besonders imponiert haben uns Vereine, die Neues anstoßen wollen. Und wie jedes Jahr wollen wir auch Menschen im Ausland helfen. Keine Frage, dass der Tagesspiegel in diesem Jahr um Spenden für Menschen aus Afghanistan bittet.

Wie die zwölf Obdachlosen-Projekte genau arbeiten und was sie mithilfe der Spenden anschaffen möchten, lesen Sie in den kommenden Tagen bis Weihnachten. Hier sind die Empfänger der Tagesspiegel-Leserspenden schon einmal im Kurzüberblick:

Bahnhofsmission. Die Einrichtung der Caritas und der Diakonie im Bahnhof Zoo wird bald ein zweites Domizil beziehen - hierfür fehlt die komplette Ausstattung.

Notübernachtung Franklinstraße. Gebraucht werden eine Industriewaschmaschine, ein Geschirrspüler, Medikamente, Desinfektions- und Reinigungsmittel - und ein wenig Geld für kleine Weihnachtsbeutel.

Evas Haltestelle. Ein Frauenprojekt - mit vergleichsweise bescheidenen Wünschen: Sofa, Schlafsofa, Stühle.

Obdachlosen-Hospiz. Sterben in Würde - das will die Evangelische Kirchengemeinde zum Heiligen Kreuz schwerkranken Obdachlosen ermöglichen. Die neue Stätte muss völlig neu eingerichtet werden.

Treberhilfe-Jugendprojekt. Junge Trebegänger sollen Aufnahme finden - gebraucht werden Betten, Schränke, Tische, Stühle, schön wären Computer, eine Tischtennisplatte, ein Kicker, ein Boxsack.

Notunterkunft Hellersdorf. Eine der größten Einrichtungen für junge Obdachlose im Ostteil der Stadt vom Verein "Neues Wohnen im Kiez". Der Fußboden des alten Plattenbaus ist völlig hinüber - neues strapazierfähiges Linoleum muss her.

Afghanistan-Hilfe. Wir wollen zwei Projekte fördern. Diakonie und Caritas brauchen Zelte und Lebensmittel - die zweite Hilfsaktion startet der Tagesspiegel gemeinsam mit der Welthungerhilfe.

Tagesstätte "Am Wassertor". Die Diakonie will alkoholkranken Obdachlosen den Wiedereinstieg in ein selbstständiges Leben ermöglichen - für das neue Beschäftigungsprojekt werden Werkzeuge und Materialien gebraucht, zudem Mittel zur Sanierung des Gebäudes.

"Hundehaltercafé". Hinter dem lässig klingenden Begriff verbringt sich ein neuer Ort, an dem Punks und andere Jugendliche über jene Lebewesen angesprochen werden sollen, die ihnen im Leben oft am meisten bedeuten.

Wärmestube Königs Wusterhausen. Erstmals wollen wir ein Projekt in Brandenburg unterstützen - schließlich wächst Berlin ins Umland hinein. Der Wunschzettel: Werkzeug, BVG-Fahrscheine, Fahrradanhänger, Kühlschrank, Kücheneinrichtung, Möbelstücke und vieles mehr.


Dass unsere Leser, wie es einmal jemand formulierte, "Herzen und Portmonees weit öffnen", wissen wir. In den vergangenen Jahren kam immer etwa eine halbe Million Mark zusammen. Wir haben alles vorbereitet - jetzt sind Sie an der Reihe, liebe Leserinnen und Leser.

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