Helfer in Not : Überlastet: Feuerwehr kommt immer später

Mängel bei Personal und Fahrzeugen alarmieren die Politik. Die Zahl der Notrufe ist drastisch gestiegen. Auch ein neues Einsatzkonzept brachte nicht die gewünschte Verbesserung.

Jörn Hasselmann
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In Not. Die Zahl der Notrufe bei der Feuerwehr ist drastisch gesteigen. -Foto: ddp

Die Zahl der Rettungseinsätze bei der Berliner Feuerwehr ist im vergangenen Jahr dramatisch gestiegen. Wie Karsten Göwecke,  Vertreter des Landesbranddirektors, sagte, rückten die Rettungswagen im vergangenen Jahr 272.000 Mal aus. Das sind 19.000 Fahrten mehr als 2007. In den vier Jahren (seit 2004) beträgt der Anstieg satte 25 Prozent. Teilweise gab es im vergangenen Jahr nicht genug Rettungswagen, um alle Notfälle zeitgleich zu versorgen. Insgesamt konnte die Feuerwehr auch im abgelaufenen Jahr die Hilfe nicht in den mit dem Senat vereinbarten acht Minuten (das so genannte „Schutzziel“) leisten. Das vor einem Jahr gestartete neue „Einsatzkonzept“ brachte nicht die erhoffte Verbesserung, im Gegenteil: „Wir haben das Schutzziel mit dem alten Konzept nicht erfüllt und mit dem neuen auch nicht“, räumte Göwecke ein. Durchschnittlich benötigte ein Rettungswagen zuletzt 9, 6 Minuten bis zum Einsatzort, in Außenbezirken sind 20 Minuten keine Seltenheit.

Bei der Brandbekämpfung habe es dagegen eine deutliche Verbesserung gegeben, sagte der Vize-Feuerwehrchef. Hier konnten die zugesicherten Zeiten 2008 anders als 2007 gut erfüllt werden. Erklärungsversuche für die immer stärker steigende Einsatzzahl im Rettungsdienst gibt es mehrere. So gebe es immer mehr ältere Menschen in der Stadt. Entscheidend aber sei, dass die „Hemmschwelle, die Feuerwehr zu rufen, immer mehr sinke“, hieß es (siehe Artikel rechts).

Die Feuerwehr geht deshalb neue Wege. Göwecke kündigte an, ab diesem Jahr Anrufe wegen Schnupfens, verstauchter Finger und ähnlicher „Notfälle“ an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) abzugeben. Dies war bislang an fehlenden Absprachen und fehlender Verbindung zwischen beiden Leitstellen gescheitert. Göwecke rechnet mit 12.000 Einsätzen pro Jahr, die von Ärzten der KV übernommen werden sollen.

Doch selbst wenn dieser Plan aufgeht, dürfte dies nicht einmal den auch in diesem Jahr erwarteten weiteren Anstieg der Notrufe ausgleichen. Göwecke sagte, dass in den Jahren 2009 und 2010 jeweils fünf neue Rettungswagen beschafft werden müssen, damit sich die Hilfe nicht noch mehr verzögert.

Doch neue Fahrzeuge nützen nur, wenn es auch neues Personal gibt. Viele unbesetzte Stellen, ein mit knapp elf Prozent immer noch sehr hoher Krankenstand und 152 dauerhaft nicht voll einsetzbare Mitarbeiter verursachen die Misere. Im letzten Jahr mussten an manchen Tagen bis zu elf Rettungswagen und Löschfahrzeuge in der Wache bleiben, weil Personal fehlte. Energisch weist die Feuerwehr den kürzlich von der CDU und der Gewerkschaft  erhobenen Vorwurf zurück, dass die Feuerwehr an Dienstagen besonders spät komme. Wie berichtet, war Mitte Dezember ein Notarztwagen erst nach 15 Minuten bei einem schwer verletzten Polizisten eingetroffen. Dies sei durch die an Dienstagvormittagen übliche Abschaltung der Computeranlage in der Leitstelle verschuldet worden, so die Kritik. Doch die Feuerwehr will weiter einmal in der Woche die Arbeit ohne Computer trainieren, sagte ein Sprecher. Verzögerungen gebe es nur in „Einzelfällen“.

Der Personalratsvorsitzende Klaus Krzizanowski fordert 300 neue Stellen, „nur um den Standard zu halten“. Von Verbesserungen durch das neue Konzept könne keine Rede sein, sagte der Gewerkschafter. Göwecke sagte, dass in diesem Jahr 142 neue Leute eingestellt werden. Doch nun es gibt es Probleme, die Stellen mit qualifizierten Männern zu besetzen.  „Wir haben nicht genug Bewerber“, sagt Göwecke.

Wie berichtet, musste die Feuerwehr Anfang 2008 auf Druck der EU die Arbeitszeit von 55 auf 48 Stunden senken. Da Neueinstellungen zum Ausgleich nicht finanzierbar waren, beschloss die Feuerwehr ein neues Einsatzkonzept: 3 von 67 Wachen wurden geschlossen, zudem ist nachts deutlich weniger Personal in Bereitschaft als tagsüber.

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