Berlin : Helga Freytag (Geb. 1936)

Am nächsten Tag ist sie von der Bitterkeit wieder genesen

von

Die Zeitungen breitet Helga auf ihrer Decke aus, in die ihr Unterleib gewickelt ist. Obdachlosenzeitungen und, nach 20 Uhr, den Tagesspiegel. Von morgens gegen elf bis abends 22 Uhr sitzt sie in ihrem Rollstuhl im Bahnhof Nollendorfplatz mit Sondergenehmigung der BVG, ein mobiler immobiler Einfraukiosk, einmalig in Berlin und wahrscheinlich auch außerhalb. Die Arbeit, sagt Helga, lasse sie ihre Krankheit vergessen, eine spastische Lähmung, von Geburt an. Ein Fluch ist diese Krankheit. Eine verdammte Ungerechtigkeit. Aber auch ihr Leben.

Helga hat krause graue Haare, wenn sie lächelt, sieht man die Zahnlücken, die über die Jahre zu einer Zahnlosreihe zusammengewachsen sind. Helga zieht sich ihre Zähne selbst, sobald sie locker sitzen, erzählt Werner, ihr letzter Vertrauter. Zahnärzte mag sie nicht, Ärzte und Pfleger machen ihr zu häufig Vorschriften. Darauf hat sie schon lange keine Lust mehr.

Helga erwirbt sich als Zeitungsfrau eine treue Stammkundschaft. Ihre Verkaufszahlen lassen die Konkurrenz erblassen. Sie steigt zur Vertriebschefin der Straßenzeitung „Querkopf“ auf. Manchmal verkauft sie auch vor dem KaDeWe, immer zum „Solipreis“ von 1,50 Euro.

Wer sie fragt, warum sie im Rollstuhl sitzt und Zeitungen verkauft, dem erzählt sie Geschichten. Sie sei gelernte Einzelhandelskauffrau mit 21 Jahren Berufserfahrung als selbstständige Schreibwarenhändlerin. Oder sie erzählt von Ausbildungen zur Telefonistin und Masseurin. Abgeschlossen jeweils mit guten Noten. Wegen der Behinderung habe sie dann keinen Arbeitsplatz bekommen.

Wovon sie nicht gerne berichtet, ist ihre Behinderung. Die spastische Lähmung geht auf Komplikationen bei der Geburt zurück. Helga lernte als Kind laufen, aber bald danach konnte sie ihre Beine nicht mehr kontrollieren, das Gleichgewicht nicht halten. 19-mal wurde sie operiert, doch am Ende habe alle ärztliche Mühe nichts genützt, schimpft Helga. Wenn sie keine Lust mehr hat auf ihr Leben, spricht sie von der Kriegszeit und davon, dass ihre Eltern sie besser nicht vor den Behörden versteckt hätten, um sie vor dem Heim und womöglich der Gaskammer zu bewahren. Am nächsten Tag, auf dem Nollendorfplatz, ist Helga von dieser Bitterkeit dann wieder genesen.

Ihre Mutter mochte sie nicht, ihren Vater umso mehr. Die kleine Familie lebte in einem Haus am Rand von Berlin, dort, wo die Kommunisten nach Kriegsende die Macht übernommen hatten. Als ihr Vater nach dem Krieg im Krankenhaus lag, machte sich Helga, so oft es ging, auf den langen Weg, um ihn zu besuchen. Zehn Kilometer musste sie mit ihrem Rollstuhl durch die zertrümmerte Stadt fahren.

Dabei trifft sie zufällig auf Erich Honecker, den Vorsitzenden der FDJ und späteren Staatschef der DDR. Diese Geschichte ist nicht verbürgt, Honecker habe sie seiner Bescheidenheit wegen nicht herumerzählt, was ihn in Helgas Augen umso mehr zu einem „Engel der Behinderten“ macht. Auf Erich lässt sie nichts kommen.

Helga hat die Geschichte auch nicht herumerzählt, nur die engsten Vertrauten wissen davon. Posthum hat der „Querkopf“ die Geschichte veröffentlicht. Auch auf der Trauerfeier wird sie erzählt. Und sie geht so: Helga ist auf ihrem beschwerlichem Weg mit dem Rollstuhl durch die staubigen Straßen Berlins, als neben ihr ein Auto anhält. Der Fahrer fragt, wohin sie möchte, und nimmt sie mit. Der Mann ist nett. Helga, noch ein Teenager, nennt ihn bald „Onkel Erich“. Sie treffen sich fortan alle paar Tage zu einer bestimmten Uhrzeit.

Als der Vater gestorben ist, dürfen sie ihn mit einer Sondergenehmigung im Garten begraben. Onkel Erich sei Dank. Helga macht immer ihre Schularbeiten beim Vater im Garten.

Die Mutter zieht kurz vor dem Mauerbau nach West-Berlin um. Weil es dort bessere Ärzte gebe, erklärt sie ihrer Tochter. Helga kommt mit, obwohl sie lieber im Osten geblieben wäre. Da seien die Menschen anständiger zu Leuten im Rollstuhl.

Als die Mutter stirbt, kommt Helga ins Johannesstift nach Spandau. Dort fehlt ihr bald die Freiheit. Wenn gewählt wird, erzählt Helga, kommen die Pfleger und führen den Patienten die Hand, damit sie das Kreuz an der richtigen Stelle machen, bei der CDU.

Helga lernt einen Mann kennen, der ihr anbietet, bei ihm einzuziehen. Das nimmt sie gerne an. Später heiraten sie, eine Zweckehe, seitdem heißt sie Freytag, ein schöner Name. Freiheit kann der Mann ihr zwar nicht bieten, aber immerhin eine Wohnung.

Daraus will sie nicht mehr fort, auch nicht, als ihr Mann stirbt. Die Pflegestation, die sich jetzt um sie kümmert, kündigt bald die Dienste auf. Helga ist zu aufmüpfig. Nun kümmert sich Werner um sie, der Chef vom „Querkopf“, nimmt sie mit auf Demos und in die Kneipen, um den 1. Mai zu feiern. Helga ist dafür, dass die Armen mehr Geld bekommen von denen, die zu viel davon haben. Dafür rollt sie auf der Straße mit. Zu Hause bleiben, wie andere Menschen mit Behinderung, das wäre ihr Ende, sagt sie.

Als sie dann doch zu Hause bleibt, still wird, kaum noch etwas isst, bringt Werner sie ins Krankenhaus. Thomas Loy

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben