Berlin : Helga Staritz (Geb. 1938)

Was jetzt? Schreien, weinen, in Kissen beißen. Langsam auf die Beine kommen

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Emanzipation, Gleichberechtigung, Selbstverwirklichung. Brauch ich nicht, fand Helga Staritz. Es war nur so, dass sie irgendwann nicht mehr darum herumkam.

Mit 20 begegnet ihr auf einer Jugendfreizeit dieser junge Mann, Dietrich. Dietrich, das ahnt man beim Blick auf die Schwarz-Weiß-Fotos von damals, wo er am Strand neben Helga an einem Zelt lehnt, hat dichte blonde Haare, blaue Augen und eine Menge Sexappeal. Ein Student der Politikwissenschaft. Helga hat sich damals um einen Studienplatz für Medizin an der Humboldt-Universität beworben. Aber so weit, dass beide studiert hätten, reicht die Gleichberechtigung und vielleicht auch die eigene Fantasie nicht. 1958 heiraten die beiden, auf den Tag genau zwei Jahre später kommt Sibylle zur Welt, fortan ist Helga Mutter und ein Studium nicht mehr drin. Und auch nicht notwendig, wirtschaftlich: Dietrich wird Professor.

Helga ist Ehefrau, Mutter und Hausfrau. In dieser Funktion entgeht ihr kein Staubkorn auf der weißen Schrankwand im Wohnzimmer. Auch Sibylles Zimmer ist vor Helgas Aufräumattacken nicht sicher, kein Berberteppichfussel auf den Socken ihrer Tochter bleibt unentdeckt, das Geschirr ist sofort nach Gebrauch abzuspülen und aufzuräumen, und ein Tochterhaar auf dem Wohnzimmerboden ist ein guter Grund zu mäkeln.

„Es sah aus wie in einem Museum. Mich machte das rasend“, sagt Sibylle, die sich mit 15 in Marie umbenennt. Klingt weniger streng. Rebellion? – „Aber hallo!“, sagt Marie, die nur für Helga stets Sibylle bleibt. „Ich habe das Weite gesucht.“ Mit 18 ist sie weg, im Schwarzwald, in einer belgischen Landkommune, in Portugal, in Marokko, in Indien. Sie will ein Leben haben, ein wildes, echtes, keins wie ihre Mutter. Monatelang meldet sie sich nicht. Nur ab und zu schreibt sie Postkarten oder Briefe.

Da wird Helga von ihrem Mann verlassen. Sie hat es nicht kommen sehen. „Dunkle Monate für meine Mutter“, sagt Marie, die damals außerstande war, sie aufzufangen.

Was jetzt? Schreien, weinen, toben, in Kissen beißen. Sich beinahe umbringen. Langsam auf die Beine kommen. Und Ärztin werden, jawohl. Sie ist 40, als ihr Putzfimmel endet und ihr Studium beginnt.

Und es beginnt noch mehr. Nämlich die Zeit, von der ihre Tochter heute sagt: „Plötzlich war sie nicht mehr nur meine Mutter, sondern auch Helga“, und es klingt kein bisschen affektiert, wie sie das sagt, im Wohnzimmer ihrer Mutter in Wilmersdorf sitzend, sondern immer noch erstaunt, fast ungläubig.

Eines Abends ist Marie bei Helga zu Besuch, sie sitzen im Wohnzimmer, Helga ist aufgekratzt und ratlos. Ein Mann hat sich in sie verliebt. Das ist ihr seit 22 Jahren nicht mehr passiert. Das war nicht vorgesehen. „Sie dachte, dass sie bestimmt keiner mehr anguckt. Ausrangiert fühlte sie sich“, erinnert sich Marie. Sie war 42, und dieser Mann fast 20 Jahre jünger. „Das hat einen wahnsinnigen Wind in ihr gemacht. Es hat sie angezündet.“ Helga fragt: „Du kennst dich doch aus. Was soll ich tun? Soll ich es zulassen? Ich weiß doch nicht mal, ob ich ihn liebe!“ Die Tochter beruhigt die Mutter: Man dürfe da durchaus ein bisschen spielerisch rangehen, so sei das in der Liebe. Aber nicht übertreiben mit der Herzensbrecherei, und keine falschen Versprechungen machen! „Wir haben ’ne Menge gekichert“, kichert die Marie.

Ein andermal berichtet Helga von dieser Zigarette, an der sie am Rande eines Konzerts gezogen habe. Mit was drin. War toll. Marie lacht laut auf und zeigt Helga, wie man selbst so eine baut. Helga schaut ihr zu, neugierig, und kichert wieder wie ein Mädchen. Es ist, als seien die beiden Schutzbefohlene und Schutzengel, gegenseitig, gleichzeitig. Marie sagt: „Ich hatte irgendwie … Muttergefühle für meine Mutter … Nee, Quatsch. Also ich fühlte mich auf Augenhöhe.“

1984 lernt Helga Felix Palmer kennen, bei dem sie sich zu Hause fühlt, auch wenn sie nicht mit ihm zusammenziehen und ihn auch nicht heiraten möchte. „Mein Vater war nun mal ihre erste große Liebe“, sagt Marie. „Aber glücklich wurde sie mit Felix.“ 27 Jahre lang sind die beiden ein Paar. 1986 wird Helga Staritz Ärztin, mit 48. Sie arbeitet unter anderem im Behring-Krankenhaus, zehn Jahre lang bis zu ihrer Pensionierung. 2011 ist sie wieder dort. Als Patientin. „Was machst du denn hier?“, fragen Schwestern und Ärzte, denen sie auf dem Flur begegnet. Manche haben Tränen in den Augen, als sie hören: Es ist Krebs. Die Bauchspeicheldrüse. Sie umarmen sie. Sie kommen an ihr Bett, vormittags, nachmittags und abends.

Marie sind beim Aufräumen in Helgas Wohnung die Briefe in die Hände gefallen, die sie ihr von ihren großen Reisen geschrieben hat. „Jeder Brief von mir an sie beginnt mit einer Liebesbekundung und endet mit einer.“ Andreas Unger

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