Hellersdorfs Bürgermeister über das Asylbewerberheim : "Die Rechten haben sich professionalisiert"

Bei der Infoveranstaltung zum neuen Asylbewerberheim in Hellersdorf habe es keine Pogromstimmung gegeben, sagt der Bezirksbürgermeister Stefan Komoß. Im Interview spricht er zudem über die NPD und die Ängste der Normalbürger.

von
Im früheren Max-Reinhardt-Gymnasium in Berlin-Hellersdorf sollen künftig rund 400 Flüchtlingen unterkommen.
Im früheren Max-Reinhardt-Gymnasium in Berlin-Hellersdorf sollen künftig rund 400 Flüchtlinge unterkommen.Foto: dpa

Herr Komoß, Sie standen am Dienstagabend bei der Infoveranstaltung zum neuen Asylbewerberheim in Hellersdorf einer aufgebrachten Menge gegenüber. Kann man da von Pogromstimmung sprechen?

Nein. Es waren 800 bis 900 Leute da, davon 50 bis 70 Rechtsextremisten und 100 bis 170 aus der Antifa. Die haben die Veranstaltung verbal dominiert und sich gegenseitig niedergebrüllt. Diejenigen, die sich sachlich auseinandersetzen wollten, sind gar nicht zu Wort gekommen. Man muss auch befürchten, dass speziell die Rechtsextremisten sich professionalisiert haben.

Woran machen Sie das fest?
Zunächst hatten die schon vorher im Internet mobilisiert. Bei der Veranstaltung versuchten sie ständig, das Mikro zu bekommen. Dem NPD-Landesvorsitzenden konnte es noch recht schnell mit Gewalt abgenommen werden. Doch dann, als es ans Fragenstellen ging, schickten die Rechten nur noch Frauen ans Mikro. Das dauerte dann eine Weile, bis man überhaupt merkte, wes Geistes Kind die sind! Die Normalbürger kamen nicht im gewünschten Maße dran.

Stefan Komoß, 49 Jahre alt, ist seit 2011 Bürgermeister des Bezirks Marzahn-Hellersdorf. Zuvor war er dort seit 2007 Stadtrat. Der SPD-Politiker ist gebürtig aus Karlsruhe.
Stefan Komoß, 49 Jahre alt und seit 2011 Bürgermeister des Bezirks Marzahn-Hellersdorf.Foto: promo

Und wie wollen Sie die Normalbürger jetzt erreichen?
Der nächste Schritt ist, dass wir eine Veranstaltung nur für die Anwohner machen, zu der die Akteure mit politischen Interessen gar nicht zugelassen sind. Das passiert wahrscheinlich im August.

Aber dann sind die ersten Heimbewohner ja bereits eingezogen und es lässt sich gar nichts mehr verhindern?
Das tut es ohnehin nicht. Um das Ob geht es nicht mehr. Es geht darum, den Menschen zu zeigen, dass ein solches Heim keine negativen Auswirkungen auf ihr Leben hat. Und sie darüber aufzuklären, wen sie verständigen können, wenn doch mal etwas anders läuft als gedacht.

Was für Menschen kommen in das Heim?
Die meisten kommen aus Iran, Irak und Syrien. Das sind Menschen, die verschreckt und traumatisiert sind. Sie werden alles daransetzen, nicht aufzufallen, um nicht abgeschoben zu werden.

Gab es auch Bürger, die sich freundlicher geäußert oder Hilfe angeboten haben?
Ja, sogar sehr viele. Wir haben viele Angebote von jungen Leuten und aus den Kirchengemeinden. Darüber freuen wir uns und werden das alles koordinieren. Denn in so einem Heim kann man schon depressiv werden: Die Menschen haben ja den ganzen Tag nichts zu tun. Wir überlegen schon, wie wir sie sinnvoll beschäftigen können. Arbeiten dürfen sie ja nicht.

Dürfen sie denn wenigstens Deutschkurse machen?
Vorgesehen ist das vom Gesetzgeber nicht. Wir wollen ihnen aber trotzdem Sprachkurse anbieten, dann eben auf Kosten des Bezirks. Und die schulpflichtigen Kinder werden die Sprache ja in der Schule lernen. Übrigens hat die Bildungsverwaltung, das muss ich jetzt mal loben, innerhalb kürzester Zeit sechs neue Lehrerstellen dafür geschaffen.

Stefan Komoß, 49, ist seit 2011 Bürgermeister des Bezirks Marzahn-Hellersdorf. Zuvor war er dort seit 2007 Stadtrat. Der SPD-Politiker ist gebürtig aus Karlsruhe.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

61 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben