Berlin : Helmar Fanselau (Geb. 1952)

„Jesus und Sokrates haben auch keine Bücher geschrieben.“

Anne Jelena Schulte

Sein Leben begann er mit einem so anhaltenden Gebrüll, dass die Mutter aus Angst vor ihrer Vermieterin mit dem frisch entbundenen Säugling die Wohnung verließ.

Und dabei blieb es: Helmar Fanselau wehrte sich gegen diese Welt, in einer Weise, die die Menschen in Freund und Feind teilte.

Seine Bühne war das Gymnasium Zum Grauen Kloster, wo er Latein und Geschichte unterrichtet. Der tägliche Auftritt begann mit der Auffahrt auf den Parkplatz mit Tanzmusik der zwanziger Jahre, die aus dem Wagen dröhnte. Gemächlich schritt der Mann mit dem dicklichen, alterslosen Gesicht, auf dem ein trotzig-spitzbübischer Ausdruck lag, dann durch die Gänge. Von den Mahnungen des ihm entgegeneilenden Schulleiters, sich zu sputen, ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen. Er genoss es, seinen Auftritt vor der wartenden Schülerschaft bis zur letzten Sekunde hinauszuzögern.

Nicht, weil er die Zeit mit seinen Schülern verknappen wollte. Kein einziger Tag in all den Jahren, an dem Helmar Fanselau gefehlt hätte.

Sie sollten nur niemals vergessen, was sie an ihm hatten: astreine Qualität. Und Qualität ist heutzutage Mangelware, wie jeder Fanselau-Schüler erfuhr. Er aber war keiner von „heutzutage“.

Dessen wurden sich auch die Schulbuch-Verlage bewusst, denen er in nie abreißender Korrespondenz unzählige Fehler nachwies. „Herr Fanselau“, fragte einmal ein Schüler, „sie wissen doch so viel. Warum schreiben Sie keine Bücher?“ – „Jesus und Sokrates haben auch keine Bücher geschrieben“, war die einleuchtende Antwort.

Seine Rolle war die des „Paukers“, die ihm umso besser gefiel, je anachronistischer sie anmutete. Kein Mitleid mit den Schwachen, harte Benotung, Stundenprotokolle, Paukerei. Gelobt sei, was hart macht, denn die Weichen klatschen böse auf in dieser Welt. Und außerdem: ohne Fleiß kein Preis. In kleinen Grüppchen lernen? Sich bewegen lassen von ein paar Schülertränen? „Kompetenzvermittlung“ statt Auswendiglernen? Ohne ihn.

Er sah zu, wie seine Akte anschwoll mit Beschwerden von Eltern, Schülern, Kollegen und ließ sich nicht abbringen von seiner Spur. Bei Kritik wurde er ausfallend, gebärdete sich selbst wie ein Pubertierender. Ein Lehrer, der gegen die Lehrmeinung rebellierte. Erst wenn ihm ein ganzer Kurs weggenommen wurde, brach er ein. Dann saß er im Zimmer des Schulleiters und weinte.

Wer Helmar Fanselau aber Anerkennung und Respekt zollte, der bekam sein ganzes Herz. Lief der Unterricht gut, balancierte er Besen und Stühle auf seiner Nase, zitierte Ringelnatz und Heinz Erhardt, gab Gesangseinlagen im Stil von Max Raabe. Gut gelaunt lüftete er dann auch die Brotdosen der Schüler, nahm die leckersten Stullen an sich und schlang sie ungefragt hinunter.

Sollten sie sich ruhig wundern über ihn. Wenn sie sich wunderten, war es gut, denn dann fiel er auf. Er war ein Prä-Achtundsechziger, ein „Orjinal“, das war so eine Bezeichnung, die ihm gefiel.

Er liebte alles, das an den harmlosen Charme der Figuren von Erich Kästner erinnerte. Alte Miele-Werbesprüche konnte er auswendig und auch die von Paech-Brot aus den Achtzigern. Schülerstreiche, die an die „Feuerzangenbowle“ erinnerten, machten ihn selig, ebenso wie die Debattierrunden im Stil der alten Griechen, zu denen er ausgewählte Schüler einlud.

Auch swingte er in den letzten Jahren zur Zwanziger-Jahre-Musik durch Berlin, befreundete sich mit Musikern und Tänzerinnen dieser Szene.

Doch blieb es dabei: Er lebte allein und fuhr zum Frühstück in die Schulmensa, auch an freien Tagen. Einmal hatte er eine Lebensgefährtin, eineinhalb Jahre lang. Dann starb sie an Krebs. Ein Schmerz war das, der ihn lange nicht loslies, und eine Bestätigung seiner Überzeugung, dass die Gegenwart ein Raum voller Gefahren ist.

In der Schule und in der 20er-Jahre- Welt war das Leben überschaubar. In diesen Welten wollte er leben.

Auch als er krank war. Eigentlich war es nur eine Grippe, er hätte sich daheim ins Bett legen müssen. Aber selbstverständlich kam er weiter in die Schule, trotz des Fiebers, trotz der Schmerzen. Zur Linderung seines Leids gönnte er sich ein Kirschkernkissen, das er mit in die Klasse nahm.

Bis sein Herzmuskel sich entzündete. Anne Jelena Schulte

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