Berlin : Helmholtzplatz: "Feuer und Flamme für unsere Würstchen!"

Ole Töns

Gerade beginnen die Würstchen zu brutzeln, da kommt es zum Äußersten: Der Polizist im gepanzerten Tarnanzug ergreift den glimmenden Grill im Gedränge, es wird gerempelt, gejohlt, mit Bier gespritzt. Fast geht das Gerangel über in eine Schlägerei. "Das kriegt ihr zurück!", ruft ein aufgebrachter Ordnungshüter mit Bier im Gesicht. Unwirsch stößt er die Umstehenden beiseite, trifft so manchen ziemlich unsanft, und suchte das Weite. Für einen Augenblick schwebt die Szene zwischen Eskalation und Groteske. Dann ziehen sich die etwa zehn Polizisten in militärisch anmutenden Schutzanzügen doch wieder zurück. Es ging im engeren Sinne um die Wurst am späteren Dienstagabend bei der Solidardemonstration politischer Splittergruppen und Stadtteilinitiativen für die Trinker vom Helmholtzplatz. Und im weiteren Sinne? "Freibier gegen die Verdrängung!", so lautete die Parole des Bündnisses gegen Vertreibung, das zum Stelldichein auf den Platz gerufen hatte. Denn, so der Vorwurf: Die Trinkerclique, die sich seit über zehn Jahren auf dem "Helmi" trifft, soll vertrieben werden. So sieht es Werner Kraus, der an diesem Abend für das Bündnis spricht. Tatsächlich sind in den Wochen, bevor der neuerdings schmuck begrünte Kiezmittelpunkt am 13. Juli feierlich eingeweiht wurde, mehrmals täglich die Polizisten anwesend. Trinker müssen ihre Dosen wegschmeißen, Hunde anleinen oder den Platz verlassen. Nach Auskunft der zuständigen Stadträtin für Gesundheit und Grünflächen, Ines Saager (CDU), sind die Beamten zwar nicht vom Bezirk angefordert, sondern zugegen, weil der Helmholtzplatz auf Senatsbeschluss wegen Drogenhandels als gefährlicher Ort gilt. Doch unrecht ist die Polizeipräsenz der Stadträtin nicht. Anwohner hätten sich über Lärm und frei laufende Hunde beschwert, sagt Saager. Wer sich nicht an die Spielregeln halte, werde auch künftig von der Polizei für 24 Stunden des Platzes verwiesen. "Wir verstehen nicht, dass wir nicht mehr dürfen, was alle anderen hier doch auch tun", sagt Erwin mit etwas glasigem Blick dazu. Er vertritt die "Platzfraktion", wie er sagt, und hält als Honorarkraft des Sozialprojektes Schneckenhaus in der Gethsemanestraße den Draht zum kirchlichen Beratungsangebot. Im Übrigen beteuert er, dass die von ihm vertretenen "Individualisten" mit der Demonstration nicht viel zu tun hätten, nur mit dem Freibier. Das sieht man beim Bündnis gegen die Vertreibung natürlich anders. Dort heißt es, die Trinker hätten ohne das Engagement von jungen Demokraten, junger Linken, Kirche von unten, Straßenzeitung und Kiezladen doch gar keine Lobby. Je später der Abend, desto deutlicher wird, dass die angestammte Trinkergruppe heute auf die Zuschauerränge verwiesen ist. Das Gerangel zwischen aufgekratzten Demonstranten und zunehmend massiv auftretendem Polizeiaufgebot treibt auf ein absurdes Kräftemessen am späteren Abend zu. "Feuer und Flamme für unsere Würstchen!", skandieren die Demonstranten um so aufgekratzter, und formieren sich spontan zum Zug um den Platz. Nach einer Runde zerstreut sich die Menge wieder, füllen sich die Sitzplätze vor den umliegenden Kneipen merklich. Es ist zu heiß an diesem Abend. Auch die Stadträtin steht noch zu später Stunde mitten auf dem Platz - mit einer Flasche Bier.

0 Kommentare

Neuester Kommentar