Berlin : Helmut Becker: Der Autohändler liebt Initiativen, Brainstorming und Berlin

Elisabeth Binder

Es muss nicht immer ein Koffer sein, der die Bindung verfestigt. Berliner Wurzeln mögen nicht in gleicher Weise greifbar sein. Aber sie lassen einen womöglich nie los, auch wenn man anderswo seine Kindheit verlebt und seine Karriere absolviert hat. Berlin schlummert im Herzen, und wenn es erwacht, dann mit Macht. So ging es Helmut Becker, dem mittelständischen Visionär aus Düsseldorf.

1942 an der Spree geboren, musste er Berlin als kleines Kind verlassen, weil seine Mutter ihn vor den Bomben retten wollte. Unter überaus kargen Bedingungen wuchs er im Schwarzwald auf, bevor er es als Händler für besondere Autos in Düsseldorf unter Mobil-Ästheten zu bundesrepublikweitem Ruhm brachte. Seine Freizeit verbrachte er zwar überwiegend auf Sylt, aber mit den Jahren wuchs seine Sehnsucht nach der Heimatstadt der frühen Jahre und daraus folgend dann auch das Engagement dortselbst.

Vielleicht hängen die warmen Erinnerungen an Berlin damit zusammen, dass es zunächst schwer bergab ging, nachdem er die Stadt verlassen hatte. Als Kind erlebte er große Not, nachdem er mit der Mutter fortgezogen war. Mit 13 beschloss er, sein Schicksal in die Hand zu nehmen. Als Hilfsarbeiter auf dem Bau verdiente er sich das Grundkapital für ein Fahrrad, mit dem er künftig Zeitungen ausfahren und Versicherungen verkaufen wollte. Vielleicht war dieser Job zu stressig, vielleicht wurde er darin zu früh zu erwachsen. Jedenfalls ist er mit 16 von der Schule geflogen.

Dann kam er in das Umfeld seines Vaters, der in Düsseldorf nach dem Krieg Erfolge feierte mit Auto-Tauschhandel. Motto: "Aus drei mach eins". Bereits 1952 hatte der beim Sohn für ein automatisches Aha-Erlebnis gesorgt, was Autos betrifft: Zum zehnten Geburtstag schenkte er ihm einen Ausflug auf den Nürburgring. Ein prägendes Erlebnis. Später war Becker jahrelang Alleinimporteur für Ferrari. "Bis in die 70er Jahre hatte ja kaum einer Mut, was richtig Schönes zu vertreiben, Cadillacs oder Chryslers zum Beispiel."

Die große Autobegeisterung führte ihn dann doch noch auf einen ganz vernünftigen Weg. Er holte mit Hilfe eines überaus motivierenden Lehrers namens Otto Zimmermann die Mittlere Reife nach, machte eine KFZ-Mechaniker-Lehre, erwarb, wie er mit sichtbarem Stolz berichtet, das technische Offiziers-Patent. Nach den Lehr- und Wanderjahren, die ihn unter anderem zum Studium der Autowissenschaft in die USA führten, folgte der eigentliche Einstieg ins väterliche Automobilgeschäft Mitte der 60er Jahre.

Eheähnliche Beziehungen

Er fand, dass Auto Becker "das interessanteste Autohaus der Welt war", mit 17 Marken, und zu diesen Marken entwickelte er "eheähnliche Beziehungen". Ein Harem aus vierräderigen Gefährten - so mancher Männertraum fände darin schon seine totale Erfüllung.

Helmut Becker indes strebte weiter. Schon damals begann er mit jährlichen Präsentationen an der Spree im Kempinski oder im Hilton, welches heute das Interconti ist. In dieser Zeit entdeckte er für sich, dass es "eine Gefühlssache ist, ob man Berliner ist". Erst später, im März 1997, gründete er im Hotel Adlon die Initiative "Ich bin ein Berliner", die unter anderem daran arbeiten will, "dass Berlin als Weltstadt wahrgenommen wird: Sie will Impulse geben, die gut sind für die Geschäfte der Stadt." Vor zehn Jahren, im Sommer 1990, war der 57-Jährige beteiligt an der Entstehung des ersten gesamtdeutschen Wirtschaftsverbandes. Auch der "Club of Europe", gegründet 1994 im Kronprinzenpalais, geht auf seine Initiative zurück. Ziel: Aufbau mittelständischer Strukturen in Osteuropa. Ein "Netzwerk von Visionären" sollte das werden mit der Aufgabe, "möglichst viele Menschen zur Eigeninitiative zu animieren". Die Initialzündung zur Philosophie des Clubs gab es bereits 1987 bei einem Treffen in Berlin. Motto: "Europa endet nicht an der Berliner Mauer." Eine Sternfahrt von Düsseldorf nach Berlin mit 100 Traumautos zementierte das Unternehmen. "Tausende", erinnert sich begeistert der Vater zweier Söhne im Alter von 14 und 17 Jahren, "haben damals an der Straße gestanden." Im November 1999 fand dann die Eröffnung der European Entrepreneur Academy im Bildungszentrum am Müggelsee statt.

Online kann man nicht Probe fahren

Ziel all der Clubs ist es, andere mitzureißen, etwas zu tun: Visionen und Networking - die Erfolgsrezeptur für das neue Berlin. Da gibt es leider viel Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Medien und des geneigten Publikums, aber Helmut Becker bleibt gelassen, die digitale Revolution kommentiert er trocken: "Online kann man nicht Probe fahren."

Sein Schmerz darüber, dass Berlin die Olympischen Spiele nicht bekommen hat, brennt offenbar immer noch, so wortreich verleiht er ihm Ausdruck. Der typische urbane Zyniker würde ihm wohl entgegenhalten, dass es einfach ist, so zu empfinden, wenn man sich jederzeit ins ruhige Düsseldorf oder aufs idyllische Sylt zurückziehen kann. Aber Becker hat natürlich seine Visionen immer fest im Blick.

Im Grunde sind es diese Ziele, die er mit seinen Initiativen erreichen will: Lust auf Zukunft machen. Die Jugend für Berlin, Europa und optimistische Ziele begeistern. Die East-Side-Gallery erhalten und für die Welt erlebbar machen. Berlin dienstleistungsfreudiger machen. Und noch ein Ergebnis hat seine Leidenschaft fürs Brainstorming gezeitigt: Berlin braucht eine Messe von Format, kurz "eine Weltmetropolenmesse".

Angesichts so umfangreicher Vorhaben, solch überbordenden Vorrats an Idealismus ist es ganz und gar erstaunlich, welch ein Glühen des Herzens ein paar Kindertage in dieser Stadt so spät noch aufleuchten lassen. Wurzeln sind für immer.

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