Berlin : Helmut Fischer (Geb. 1943)

Große Brüder werden später gerne Anführer, Vorangeher

Judka StrittmatterD

Groß war die Liebe, die er zurückgelassen hat, die Liebe zwischen ihm und seiner Frau Birgitta. Sie war 19 Jahre jünger als er, gerade mal 13 Jahre blieben ihnen für ihr Glück.

Berlin, wenn man so will, ist Beziehungsstifter. Aus Bonn stammend, kommen beide mit der Hauptstadtwerdung, arbeiten zunächst bei der Treuhandanstalt. Er ist Wirtschaftsprüfer, sie Juristin. Als sie ihn sieht, zum ersten Mal, ist sofort klar: Das ist er. Wie er redet, was er kann – sie mag es, gleich von Anfang an. Klingt wie im Märchen, passiert aber manchmal. Selbst in Zeiten, in denen Männer auch erobert werden wollen. Hier war das so.

Er war ein Menschenfänger, sagt seine Frau, kaum einer, der ihm nicht verfallen wäre. Für seine Jahre jung und menschenoffen, war er sogar verständnisvoll mit Leuten, die als schwierig galten, unselbstständig. Kein dünkelhafter Kerl, der auf Schwächere und weniger Erfolgreiche herabsieht. Nur einer, der ohne Wichtigtuerei auskam. Und ohne Pilotenkoffer, wie ihn die Kollegen aus dem Business so gerne tragen. Was sie aus tausenden Papieren speisen, hatte er im Kopf. Und war selbst so noch zehn Mal besser als die anderen, meint seine Frau.

Abheben aus Erfolgsgründen – er hätte es gekonnt, doch es lag ihm nicht. Er hatte Erfolg, bis zum Schluss. Helmut Fischer brauchte keine Statussymbole. Sylt – zu affig für seinen Anspruch an Meer, Weite und Erholung, er bevorzugte die Insel Föhr. Und Reit im Winkel. Weil Schnee so klar und gut war. Und Biathleten seine bevorzugten Sportler.

Er war einer jener Männer, die erst die zweite oder dritte Chance im Leben richtig angehen. Drei große Kinder waren da aus seinem früheren Leben, um die er sich weiter kümmerte. Wie um viele andere Menschen auch. Ein typischer großer Bruder eben, der drei kleinere Geschwister zu umsorgen hatte nach dem Krieg, in Weiden in der Oberpfalz. Denn auch die Mutter arbeitete von früh bis spät. Solche großen Brüder werden später gerne Anführer, Vorangeher, Alphatiere. So wie er. Er war es vornehmlich auf dem Terrain der Ideenfindung, die Umsetzung überließ er gerne anderen.

Er war ein Guter, ein Heiliger mitnichten. Das wusste er selbst auch. Manchmal, sagt seine Frau, kam ich mir spießig vor neben ihm, trotz dieser vielen Jahre zwischen uns. Während er nach langen Arbeitstagen, die beide hatten, noch gern einkehrte, war sie zu müde.

Die Philharmonie gehörte ihnen beiden, sie war der Lieblingsplatz des Paares in Berlin. Überhaupt: Musik. Jazz, Mozart – seine Leidenschaft. Verteilt auf mehrere I-Pods, hatte er seine Idole stets dabei.

Helmut Fischer liebte die Sinnlichkeit des Lebens, verachtete aber alles, was an Schnödem und Praktischem dazu vonnöten war. Eine Küche für die neue Wohnung aussuchen? Keine Geduld, nicht mal ein paar Minuten. Doch darin kochen – gerne und zu jeder Zeit. Am liebsten Herzhaftes. Kalbshaxe, Schmorbraten.

2006 die Diagnose: Speiseröhrenkrebs. Dann all die Zeit, die einen mürbe macht. Mal Hoffnung und mal keine, er trug es tapfer, stärkte, selbst ohne Kraft, noch seine Frau. Die Hochzeit, schon unter dem Stern der schlimmen Krankheit, vollzogen sie für sich allein. Das Standesamt, im KaDeWe ein Essen, und das war’s. Beim anschließenden Weihnachtsfest, zu Hause in der Nassauischen Straße, genügten sie sich ebenfalls. Die Wohnung, Refugium des Paares, war ihr Liebesort. Und sie war Sterbeort für Helmut Fischer. Judka Strittmatter

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