Berlin : Helmut Hapke (Geb. 1920)

Warum nicht hundert?, fragte er enttäuscht sein Schicksal.

David Ensikat

Die Pokale stehen oben im Gästezimmer. 100 Pokale, mindestens. Medaillen hängen an der Wand, zehnmal so viele. Die Urkunden sind in Ordnern abgeheftet, ein paar hängen hier und da gerahmt, im kleinen Haus in Lichterfelde. Diese etwa im Treppenflur, eine Art Sammelurkunde: „Herr Helmut Hapke hat zwischen dem 30. August 1970 und dem 6. Februar 1974 in der Havel, im Plötzensee, im Heiligensee und beim 24-Stunden-Schwimmen der Wasserratten einschließlich eines am 2. Februar 1934 erworbenen Freischwimmer-Zeugnisses und einer Wiederholung 12 100 m geschwommen. Die Urkunden zu diesen Leistungen lagen vor.“

Für die meisten seiner Auszeichnungen ist Helmut Hapke allerdings nicht geschwommen, sondern gelaufen. Als er 49 war, hat ihm der Arzt empfohlen, ein wenig Sport zu treiben, wegen der Gelenke. Und weil Helmut Hapke ein Mensch von jener Sorte war, die nichts ein wenig tut, sondern wenn etwas, dann dies sehr viel, rannte er los und blieb erst wieder stehen, als es nicht mehr weiterging. Seinen letzten Marathon ist er mit 83 gelaufen. Es war sein hundertster. Ein schlechtes Gewissen plagte ihn, weil er von den 100-Kilometer-Läufen nur 80 in seinem Leben absolviert hatte. Warum nicht hundert, fragte er enttäuscht sein Schicksal.

Nun ist das Langstreckenlaufen nicht nur ein Spaß, viele Leute sehen hinterher sehr mitgenommen aus. So auch Helmut Hapke nach seinem ersten Marathon in Berlin. Seine Frau war ganz erschrocken, und er musste ihr versprechen, dass er niemals wieder einen Marathon laufen würde. Er gab ihr das Versprechen und verstand es so: nie wieder einen Berlin-Marathon. In Griechenland, Japan, Amerika, Korea, Neuseeland gab es auch sehr schöne, weite Strecken.

Er kam aus einfachen Verhältnissen, der Vater Sattler, die Mutter Mamsell, er lernte Bankkaufmann und arbeitete bis zur Rente in dem Beruf. Unterbrochen wurde dieses Arbeitsleben – wie das beinahe aller anderen Männer seines Alters auch – vom Krieg. Er war in Stalingrad und einer jener Glücklichen, die rechtzeitig verwundet wurden. Aus seiner Kompanie haben nur solche überlebt und die wenigen, die im richtigen Augenblick auf Heimaturlaub waren. Er traf sie später regelmäßig bei den Kameradschaftsabenden. Nicht, dass er das Soldatentum gefeiert hätte. Helmut Hapke war nur ein Mann, der Freundschaften nicht aufgab.

Wobei, die Sache mit den Kriegserinnerungen war eine sonderbare: Er sprach darüber kaum, man wusste nur, dass er Grausames erlebt haben musste. Als sein Sohn sich Landser-Hefte kaufte, die billigen Schmöker mit den Wehrmachtshelden, wollte er ihm das zunächst verbieten. Dann begann er selbst, darin zu lesen, mit dem Alter immer mehr, und schließlich sammelte er die Dinger. Ein paar Tausend liegen sortiert in einer Kammer. Nachts, wenn er träumte, so erzählen es die Kinder, schrie er manchmal. Da kamen die wahren Frontgeschichten in ihm hoch.

„Er war ein großer Verdränger“, sagt der Sohn, „auch die Lauferei war bestimmt so eine Strategie.“ Helmut Hapkes Frau und sein älterer Sohn starben in einem Jahr, 1981, am Krebs. Dass er das überstand ohne größeren Schaden an der Seele, dass er seinen Humor nicht verlor und die Lust am Leben, kann man sich kaum anders als mit der Sportobsession erklären. Für sie lebte er ab jetzt; er lief los, kam an, ließ sich die Ankunft per Urkunde, Medaille, Pokal bestätigen, lief wieder los.

Im Flur läutet die Kuckucksuhr. Die Tochter und der Sohn, die Helmut Hapkes Haus mit den vielen Ankunftsbelegen auszuräumen haben, ziehen sie noch auf. Im Zimmer, in dem der Vater starb, hängt im Glasrahmen sein Familienstammbaum. Er geht zurück bis ins 18. Jahrhundert. Helmut Hapke hat eine Überschrift aus der Zeitung ausgeschnitten und daruntergeklebt: „Langfristig sind wir alle tot.“ David Ensikat

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