Berlin : Helmut Huber (Geb. 1940)

„Eine andere Welt ist möglich. Über das utopische Verlangen“

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Seine Sehnsuchtsorte: Der Platz der Blumen, Campo de’ Fiori in Rom, wo er Zeitung las, Espresso trank, in Grußweite der Statue Giordano Brunos, der auf diesem Platz als Ketzer verbrannt wurde, weil er an die Unendlichkeit des Raums und die Vielzahl der Welten glaubte.

Der Markusplatz in Venedig, wo er Gustav von Aschenbach begegnete. „Als es anfing hell zu werden“, erinnert sich ein Freund, „legte ein Wassertaxi am Lagunenufer an und ein Herr im schwarzen Anzug ging mit hallenden Schritten quer über den leeren Platz. Und dann tauchte ein Bild auf, das wir nie vergessen haben, der leere Markusplatz mit vom leichten Wind bewegten Markisen und gelegentlich aufflatternden Tauben – ins Licht eines violetten Morgenhimmels getaucht.“ Sehnsuchtsort Küste: „Dort angekommen liebte es Helmut, am Strand entlangzuwandern, oft viele Kilometer weit, mit so schnellen Schritten, dass wir kaum hinterherkamen. An heißen Sommertagen setzte er als Sonnenschutz eine Art Tropenhelm auf, dicke Ohrenklappen standen wie kleine Flügel rechts und links weit ab, so als wollte er jeden Moment davonfliegen, und die obligatorische Zeitung lugte aus der Jackentasche heraus.“

Sehnsuchtsraum Wüste: Die große Leere, von allen Verantwortungen befreit, ein Zustand, in dem alles passieren kann, und nichts. „Eine andere Welt ist möglich. Über das utopische Verlangen“, so betitelten Inge und Helmut eins ihrer Radio-Features. Hörstücke, die zum Denken verführen. „Transit Tränenpalast“, „Herr K. – Eine Affäre mit dem Sozialamt“, „Werd’ ich mit Singen deutsch?“, Geschichten, mit denen sie die Menschen und ihre Probleme den Hörern näherbrachten. Sehr behutsam erzählt, weil aus einem nie endenden Dialog entwickelt. Inge und Helmut arbeiteten zusammen, und sie waren ein Paar, fast 30 Jahre lang. Die Liebe eine Utopie? Nicht für die beiden. Das Herz des anderen war das eigene Zuhause. Vielleicht rührte auch daher ihre unerschütterliche Hoffnung auf ein besseres Leben für alle. „Eine Karte der Welt verdient nicht einmal einen Blick, wenn das Land Utopia auf ihr fehlt“, Oscar Wilde. So viele Träume der besseren Welt gab es und gibt es, geträumt von so vielen, warum machen sich die Menschen die Welt dann dennoch zur Hölle?

Am 5. März 1940, zwei Tage vor dem Geburtstag von Rudi Dutschke, zwei Monate vor dem Überfall der Deutschen auf Frankreich wurde Helmut geboren. Ein Siebenmonatskind mit nur 2250 Gramm Gewicht, das bis zum Sommer auf 4110 Gramm hochgepäppelt wurde. Er hatte Glück, schon damals. Der Vater war Atheist, die Mutter Christin, nie war es langweilig zu Hause. Sieben Geschwister eroberten ihre eigene Welt. Berge und Seen, eine offene Landschaft die Heimat am Ammersee. Und offene Grenzen in der Fantasie, denn stets gab es Bücher. Da er als Jugendlicher nicht wusste, was genau er lesen sollte, hat er alles gelesen. Wer liest, wird widerspenstig gegen die Zumutungen der Realität. Er verweigerte den Wehrdienst, was nicht einfach war in einer Zeit, als die Antragsteller noch mit Fallbeispielen der Art drangsaliert wurden: Ein Rotarmist steht vor Ihrer Großmutter, droht sie zu vergewaltigen und dann zu erschießen. Wie handeln Sie?

Er wollte Lehrer werden, Grundschullehrer, und brachte es bis zum Referendariat. „Doch weil es in seiner Klasse meist recht laut zuging“, erinnert sich der Bruder, „kam ständig der Hausmeister herein und mahnte Helmut, in der Klasse für Zucht und Ordnung zu sorgen. Auch der Rektor der Schule schloss sich der Meinung des Hausmeisters an. Darauf schrieb Helmut einen Beschwerdebrief ans Kultusministerium, ob in Bayern die Pädagogik in den Schulen tatsächlich vom Hausmeister bestimmt würde. Er wurde postwendend entlassen.“ Auch in Berlin war ihm das Klima in der Schule zu autoritär. Helmut war ein Rebell, ein sanfter, aber auch ein halsstarriger. Er war dabei, als ein Trupp von Studenten das Münchner Gebäude des Springer-Verlags stürmte und die halb fertigen Vorlagen für die nächste „Bild“-Zeitung aus dem Fenster warfen. Ihm drohte eine Anklage als Rädelsführer, die er hätte abwenden können, wenn er als V-Mann in den Dienst des Staatsschutzes getreten wäre. Aber er wollte sich nicht vereinnahmen lassen, weder vom Staat, noch von der militanten Linken. Der friedliche Weg schien ja gangbar: „We want the world and we want it now!“ Viele Träume haben sich erfüllt im Laufe der Jahre, die Gesellschaft wurde freier. Aber glücklicher sind die Menschen nicht geworden. „Im Innersten wissen wir alle“, so seinerzeit Adorno im Gespräch mit Bloch, „es wäre möglich, wir könnten als Freie leben.“ Nie schien die Möglichkeit greifbarer in jenen Jahren, nie schien sie utopischer als in der heutigen Zeit.

Warum ist uns die Fähigkeit abhandengekommen, das Andere zu denken? Alle scheinen vereidigt auf die Welt, wie sie ist. Das ließ sich Helmut nicht gefallen, nie. Er hatte da so seine Mittel. Als seine Nichte mit einer Freundin zu Besuch in Berlin war und vom Shoppen Madonnas Platte „Like a Virgin“ mit nach Hause brachte, legte ihr Helmut „Kollaps“ von den Einstürzenden Neubauten auf den Tisch. „Und als wir abends am Küchentisch sehr beeindruckt von unserem ersten Döner erzählten“, erinnert sie sich, „beschloss Helmut, uns noch schnell ein einfaches italienisches Abendessen zuzubereiten, das dann dreieinhalb Stunden später fertig war. Dreieinhalb Stunden, in denen wir fasziniert beobachteten, wie Helmut alle zu Verfügung stehenden Stuhllehnen der Wohnung mit selbst gemachten Spaghetti behing, in denen er uns nicht nur in die Kunst des Bruschetta-Machens einweihte und uns von diversen Italienreisen erzählte. Das Essen war natürlich fantastisch. Und wir waren nach unserem Berlin-Urlaub zwar noch immer Madonna-Fans, aber auch wild entschlossen, auf das nächste Einstürzende-Neubauten-Konzert zu gehen, regelmäßig Nudeln selbst zu machen und nach Venedig zu reisen.“

Weiterträumen. Auf Rio Reiser hören: „Der Traum ist aus. Aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.“ Auch da hatte Helmut seine eigene, charmante Weise. Er war als Denker wie als Mensch von sehr verführerischer Art. Weil er schön anzusehen war, ohne eitel zu sein. Weil er nie auftrumpfte. Weil er Fragen stellte und auf Antworten hoffte. Weil er das Beste im Anderen sah. „Was ich in deinen Träumen suche? Ich suche nichts ... Bis ich deine Träume im Dunklen leuchten seh’.“

Die Lieder und Parolen von gestern klingen alle ein wenig wehmütig heute. Weil die Gegenwart die Träume ausgetrieben hat. Utopie ist kein Fremdwort mehr, es scheint ein Unwort. Helmuts Sehnsucht aber blieb. „Im Bündnis mit dem System können wir nicht glücklich werden!“ Das einzig verbliebene Mittel, sich dem zu entziehen: die große Verweigerung. Er hielt nicht Schritt mit dem eiligen Schritt der anderen. Wie sonst könnte der Blick auf all das Schöne fallen, das da ist, mit Händen zu greifen, wenn man sich nur die Zeit nimmt. Sehnsuchtsorte überall. Wenn er in der Stadt zu Fuß unterwegs war – alles andere wäre zu gefährlich gewesen –, fand er stets Gelegenheit innezuhalten und zu staunen. „M’illumino / d’immenso“ – „Ich erleuchte mich durch Unermessliches.“ Die Übersetzung von Ungarettis poetischer Losung „Mattina“ klingt hölzern, aber das Gefühl, das ist ein einfaches und stärkendes: Das Morgen soll lichter werden.

Sehnsuchtsort: Café. Dort, wo sich schon immer die Freidenker getroffen haben. Die Zeitungsraschler, die sich hinter den Journalen verbergen, weil sie ihnen Sichtschutz auf die Gegenwart geben. Die Reisenden durch die Welt der Lettern, die überall zu Hause sind, weil die Korrespondenten ihnen Berichte aus aller Welt auftischen, Lokales und Globales, und weil sie verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen. Helmut nahm sich die Zeit, die Welt zu überdenken, sie auf Leerräume der Hoffnung hin abzuhorchen. Er gab Flüchtlingen Sprachunterricht, arbeitete in der Familienhilfe, er war mittendrin im Leben, aber er nahm sich auch immer wieder die Freiheit, ein Buch aufzuschlagen und eine andere Welt vor Augen zu haben.

Die Sehnsucht nach Sinn kennt als Erfüllungsort nur die Utopie. Oder den Weinberg. Davon hat Helmut immer schon geträumt, einen eigenen Weinberg zu besitzen. Er selbst hätte ihn nicht bewirtschaften wollen, das hätte Inge für ihn tun müssen, aber er hätte all seine Freunde zur Ernte geladen, und zur wundersamen Wandlung von Wein in Lebensfreude. Ein wenig wurde er ja wahr, der Traum, denn nun liegt Helmut auf dem Luisenstädtischen Friedhof, der einst ein Weinberg gewesen ist. Gregor Eisenhauer

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