• Helmut Lichy tat von 1961 bis 1965 als Beamter der 13. Bereitschaftspolizei seinen Dienst an der Mauer in Reinickendorf

Berlin : Helmut Lichy tat von 1961 bis 1965 als Beamter der 13. Bereitschaftspolizei seinen Dienst an der Mauer in Reinickendorf

S. Rehm

Wenn sich ein Jahrhundert neigt, haben Erinnerungen Konjunktur. Oft berichten die "Profis" der Geschichte: Politiker, Wissenschaftler, Künstler. In unserer Serie kommen Berlinerinnen und Berliner zu Wort, in deren persönlichen Erlebnissen sich die "große Geschichte" spiegelt.



"Es ist an den West-Berliner Grenzen eine verlässlich Bewachung und eine wirksame Kontrolle zu gewährleisten, um der Wühltätigkeit den Weg zu verlegen." So hieß das im Beschluss des Ministerrates der Deutschen Demokratischen Republik von 12. August 1961. In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages wurde der Befehl in die Tat umgesetzt: am Brandenburger Tor begann die Abriegelung des Ostteils der Stadt. Es war an einem Sonntag und wir waren zum Baden am Tegeler See, haben herumgealbert. Dann hörte man auf einmal: Berlin wird eingekesselt. Wir dachten, es gibt wieder Krieg. Ein heißer Sommertag war es, knapp zwei Wochen vor meinem 16. Geburtstag. Ich hatte gerade meine Kaufmannslehre bei "Bolle" beendet und war unzufrieden mit meinem Beruf. In den Zeitungen standen laufend Annoncen: "Die Polizei sucht junge, sportliche Männer ...".

Der Aufnahmetest dauerte ein paar Tage und die Ausbildung war härter als bei der Bundeswehr. Von der blaugrauen Uniform der 13. Bereitschaftspolizei habe ich ein Emblem, ein Schulterstück und einen Kragenspiegel aufgehoben. Ich gehörte zu einer zirka dreißig Mann starken Truppe, stationiert in der Schulzendorfer Kaserne in Heiligensee, also französischer Sektor. Von den 43 Kilometern, an denen Ost- und West-Berlin direkt aneinanderstießen, waren vier mein Arbeitsplatz. Mal ein Grenzstück zwischen Reinickendorf und Pankow, mal eines zwischen Wedding und Prenzlauer Berg. Von der Klemkestraße im Norden bis zur Bernauer Straße im Süden, alles direkt an der Mauer, die damals keine Mauer, sondern noch ein Stacheldrahtgespinst war.

Meine Enkel kennen nur das dreieinhalb Meter hohe Bauwerk mit Betonrohren an den Oberkanten, die Mauer der Achtziger Jahre. Die Mauer der Sechziger war gegen diese perfide auf makabere Weise primitiv. Dennoch musste die entstandene Grenze von der einen Seite beschützt und von der anderen beobachtet werden. Wir von der Bereitschaftspolizei und die Volkspolizei standen sich Auge in Auge, mit Maschinenpistolen bewaffnet, gegenüber. Wir waren dazu da, die eigenen Leute zu schützen. Oft kam es vor, dass West-Beriner Demonstranten den Stacheldraht niederrissen. Wir mussten dann Angst haben, dass die Vopos das Feuer eröffneten. Während meiner Dienstzeit fiel jedoch gottlob nicht ein einziger Schuss.

Angst habe ich oft gehabt, vor allem später. Im ersten Jahr war das Verhältnis zwischen Ost- und Westpolizei noch relativ gut. Wenn wie ein paar Flaschen Bier oder Zigaretten geschenkt bekommen hatten, haben wir mit den Ostkollegen geteilt. Die Bevölkerung war sehr nett zu uns. Wir bekamen viel geschenkt. Die drüben haben weggeguckt, wenn ein "Republikflüchtling" über den Stacheldraht sprang. Doch diese Vopos sah man nie wieder. Mit der Zeit wurden alle Gesichter auf der anderen Seite ausgetauscht. Die Berliner Polizisten wurden nach Sachsen gebracht, aus Sachsen kamen neue Bewacher für den "antifaschistischen Schutzwall". So hat man es uns erklärt. Ich glaube, dass die Vopos nicht alle 200-Prozentige waren. Von denen konnte nur keiner abhauen, weil sie Familie im Hinterland hatten.

Ab da war es aus mit der Kameradschaft und wir haben keine Bierflaschen mehr rübergeworfen, sondern Tränengaskörper, die sie vorher zu uns geschmissen hatten. Die Zeit bei der Polizei war nicht zum Schaden, aber es war keine schöne Arbeit. Einer der wenigen Momente, an die ich mich noch gerne erinnere, ist der Besuch von John F. Kennedy in West-Berlin im Juni 1963. Ich stand am Flughafen Tegel Ehrenposten. Ein paar Stunden haben wir dort gestanden, für zwei Minuten gucken.

Den Aufbau der Berliner Mauer habe ich jeden Tag beobachtet. Maurer rückten an, man lud L-förmige Betonstücke, fertig zum Aufstellen, von Lkws ab. Häuser in unmittelbarer Grenznähe ließ das ostdeutsche Regime abreißen, um Platz zu schaffen für den sogenannten Todesstreifen. Unser Revier war relativ ruhig, die Kollegen rund ums Brandenburger Tor hatten mehr zu tun. In Reinickendorf wurde nur ab und zu ein Tunnelausgang im Keller eines der grenznahen Häuser entdeckt und von den hohen Herren dann sorgfältig fotografiert. Spektakuläre Fluchtversuche gab es bei uns nicht. Als die dann mit der Steinmauer fertig waren, wurden die Westpolizisten abgezogen. Die Alliierten sahen keine Notwendigkeit mehr, jeden Meter zu bewachen. Kurze Zeit später habe ich den Polizeidienst quittiert. Meine Frau drohte mit Scheidung, wegen der vielen Nachtschichten. Von 1965 an führten wir zehn Jahre lang ein Lebensmittelgeschäft in Konradshöhe, direkt an der Havel. Anfang 1976 besuchten wir einen Onkel in Westdeutschland. Wieder habe ich eine Annonce gelesen und ganz spontan einen Job bei einer großen Bäckerei bei Stuttgart angenommen. Wir haben auch sofort eine Wohnung gefunden und sind binnen einer Woche mit unseren drei Kindern von Berlin weg. Wir haben uns dort immer eingesperrt gefühlt. Unser Sohn Andreas ist zurückgegangen. Wenn wir ihn besuchen fahren, traut sich ab Hof niemand mehr, im Auto zu sprechen. Ich habe immer noch das Gefühl, dass jemand mithört.

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