Berlin : Helmut Roloff, geb. 1912

Ursula Engel

Wie viele Stunden Helmut Roloff an dem schwarzen Bechsteinflügel saß und spielte, hat niemand gezählt. Es müssen Tausende gewesen sein. Auf ihm hat er als Kind in Gießen das Klavierspielen gelernt. Der Flügel begleitete ihn auch nach Berlin, als er nach einem kurzen Ausflug ins juristische Fach 1935 an der Musikhochschule zu studieren begann. Jeden Tag saß er an seinem Bechstein und übte. Er wollte Konzertpianist werden.

Unter dem Flügel in Helmut Roloffs Wohnung fand die Gestapo 1942 einen Karton mit einem Sender. Roloff hatte ihn für die Widerstandsgruppe Rote Kapelle aufbewahrt. In Berlin war er mit den Widerständlern in Kontakt gekommen, hatte Flugblätter verteilt. Als die Gruppe aufflog, wurden viele festgenommen - und die Gestapo durchsuchte die Wohnung des Pianisten. Drei Monate saß Helmut Roloff im Spandauer Gefängnis. Das Klischee des spinnerten, unpolitischen Musikers rettete ihm damals wahrscheinlich das Leben. "Man glaubte ihm diese Rolle", sagt seine Frau, "wie durch ein Wunder kam er wieder frei." Die meisten anderen, zum Beispiel Harro Schulze-Boysen, wurden hingerichtet.

"Wenn er etwas als richtig erkannte, konnte man ihn nicht mehr davon abhalten", sagt seine Frau. Häufig sei dies auch über seine Kräfte gegangen. Helmut Roloffs Haltung spiegelte sich in seinen klaren, angespannten Gesichtszügen. Eine Haltung, die auch seine Art Klavier zu spielen und Musik zu interpretieren prägte. Helmut Roloff war kein Pianist der überschäumenden Gesten, keiner, der als Naturereignis über die Zuhörer hereinbrach. Die Musikalität eines Stücks wollte er erfassen. "Werktreu war er", sagt seine Frau. Ein Stück einzustudieren, bedeutet für ihn, genau herauszuarbeiten, wo und warum Betonungen, zarte und kräftige Anschläge, laute und leise Töne gesetzt werden sollten. Ein Pianist, so seine Auffassung, muss jederzeit wissen, warum er welche Passage spielt.

Ingeborg Roloff, die 1945 Helmut Roloffs erste Klavierschülerin an der neu eröffneten Musikhochschule in Berlin war, erinnert sich lebhaft an seinen Unterricht. "Er konnte wunderbar erklären, wie man aus Tonfolgen wirkliche Musik machen kann", sagt sie. "Virtuosität, technische Akkuratesse waren Mittel zum Zweck Es ging um die klare Interpretation, die Betonung, den Ausdruck."

Helmut Roloff war kein exzentrischer Musiker, der hysterische Anfälle bekam, wenn der Konzertflügel nicht seinen Vorstellungen entsprach. Er freute sich über seine internationalen Konzerterfolge, er war stolz auf seine Schüler, wenn sie sich internationales Ansehen erwarben. Zahlreiche Preise wurden ihm als Pianisten und Pädagogen verliehen. Doch Helmut Roloff setzte seine Erfolge nicht in Szene. Ein Star war er nicht. Eigenwerbung, Interviews, Angebote an die Presse: All das interessierte ihn einfach nicht.

"Wenn er einer hätte werden wollen, der immer in den Zeitungen steht, dann hätte er sich auch eine andere Frau aussuchen müssen, eine die nichts anderes im Sinn hat, als sich ums Prestige und die Außenwirkung ihres Mannes zu kümmern", sagt seine Frau. Er hat sich aber eine Pianistin ausgesucht. Und nicht nur das. Immer habe er sie ermutigt, ihren eigenen Weg zu gehen, selbst Konzerte zu geben. Trotzdem entschied sie sich, drei Kinder großzuziehen und ihrem Mann den Rücken zu stärken. "Wenn ich nicht gewusst hätte, was es bedeutet ein Konzert vorzubereiten, auf einer Bühne zu stehen, welcher Druck, welche Anspannung und welche Konzentration dafür nötig ist, wäre unser Leben sicherlich anders gewesen", sagt sie. Eine Künstlerehe mit überbordendem Ehrgeiz, mit offener Konkurrenz führten die beiden gewiss nicht.

Oft saßen Helmut und Ingeborg Roloff gleichzeitig am Flügel und übten, wenn auch in verschiedenen Zimmern. "Zusammen gespielt haben wir aber nie", sagt Ingeborg Roloff. "Nicht einmal zum Spaß." Wenn man den ganzen Tag am Klavier gearbeitet hat, will man nicht auch noch zusammen Klavier spielen."

1980 dann der Schlaganfall mit tragischer Folge: Helmut Roloff kann nicht mehr Klavier spielen. Aber er gibt nicht auf. Er konzentriert sich aufs Unterrichten, unterstützt die Berliner Symphoniker und engagiert sich für die Notgemeinschaft deutscher Kunst.

Kurz vor seinem 89. Geburtstag geben seine Söhne, ebenfalls Musiker, in der Biesalskistraße ein Hauskonzert. Es war das letzte Mal, dass er seinen Bechsteinflügel hörte.

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