Berlin : Helmut Schulz (Geb. 1926)

Eine eigene Zeitrechnung: vor Afrika und nach Afrika

Ursula Engel

In Neukölln wird Helmut Schulz geboren. In der Spree lernt er schwimmen. Er heiratet eine Berlinerin und wird Grundschullehrer. Fast sein ganzes Leben lang wohnt und arbeitet er in Neukölln und wird nur einmal seinem Bezirk, ja seiner Stadt untreu: 1961, die Stimmung in Berlin kurz vor dem Mauerbau ist gespannt, löst er die Wohnung auf, verkauft die Möbel, packt 13 große Kisten und fährt mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Afrika. Ein Programm der Bundesregierung für Lehrer führt sie nach Südwestafrika, dem heutigen Namibia. „Vielleicht unsere besten Jahre“, sagt die Frau. „Wir hatten eine eigene Zeitrechnung: Vor Afrika und nach Afrika.“

Die Reise ist mühsam. Zwei Wochen dauert die Fahrt mit dem Schiff. Dann geht es mit dem VW-Bus weiter nach Karibib, einer kleinen Stadt am Rand der Wüste.

362 Sonnentage, Sand wohin das Auge reicht und kein Wasser weit und breit. In der Nachbarschaft leben Löwen, Elefanten, Kudus und Affen. Mit einem Spaten bewaffnet geht Helmut abends ins Bett. Es könnten sich Skorpione oder Schlangen unter der Decke verkrochen haben. Jeder Besuch in der 60 Kilometer entfernten Stadt mit Schwimmbad und Friseur wird zur Attraktion.

Fünf Jahre lang unterrichtet Helmut Schulz die Kinder ehemals deutscher Farmer. Aber die Arbeit in der Schule ist für den aufgeklärten Pädagogen nicht leicht. Die Zeit hat hier stillgestanden. Liberale Lernmethoden sind nicht vorgesehen, Helmut eckt immer wieder an. Die Spuren der deutschen Kolonialzeit sind unübersehbar. Es herrscht Rassentrennung. Kaiser und Hitler werden noch bewundert, ihre Bilder hängen an einigen Wänden. Viele Farmer glauben, die eigentlichen Deutschen zu sein. „Für die waren wir nur ,die Deutschländer’“, erinnert sich Helmuts Frau.

Für die Familie ist das Leben in Afrika dennoch großartig. Die Kinder bewegen sich frei, für den Haushalt gibt es Angestellte, die Ferien sind lang, die Feste zahlreich. Mit dem VW-Bus erkundet die Familie Angola, Südafrika und Simbabwe, und Helmut fotografiert. Auf einem Bild sind die schwarzen Angestellten zu sehen. Sie heißen Erna, Martha und Herrmann. „Wir haben sie besucht“, erzählt Helmuts Frau. „Über dem Bett hing ein Foto mit einem Mann in Uniform.“

„Kennst du den?“, habe Herrmann gefragt. Helmut erkennt den jungen Kaiser Wilhelm nicht. Er ist schließlich nur ein Deutschländer.

1966 sind die afrikanischen Jahre zu Ende. Mit einem Frachter, der afrikanische Tiere für deutsche Zoos transportiert, fährt die Familie zurück. In Berlin steht jetzt die Mauer, Helmuts Freunde nennen ihn Afrika-Schulz, und über dem Sofa hängt ein Gepardenfell. Statt Kuduleber gibt es jetzt Leber vom deutschen Rind. Helmut arbeitet wieder an der Grundschule und widmet sich der Schwimmjugend vom TSC 1893.

Als er 1996 für die ehrenamtliche Arbeit im Schwimmverein mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet wird, freut sich Helmut Schulz sehr. Die Ehrennadel steckt er ans Revers und nimmt sie nicht wieder ab. Von wegen Deutschländer! Ursula Engel

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